Pressemitteilungen > PM 23



PM 23: "Aussagen von Sozialministerin Gönner unsachlich und idelogisch"

20. 08. 2004

Zu den jüngsten Äußerungen der Sozialministerin des Landes Baden-Württemberg, Frau Gönner (CDU), erklärt der Verein für Drogenpolitik e.V." (VfD) und das bundesweite Netzwerk von Junkies, Ehemaligen und Substituierten (JES):

Mit ihren Äußerungen zur geregelten Abgabe von Heroin in Karlsruhe hat Frau Gönner ein Thema erneut in die Diskussion gebracht, das in der sachlichen Einschätzung über ein derart schlichtes Niveau längst hinaus sein sollte und es in fachlich kompetenten und informierten Kreisen auch ist. Frau Gönner versucht hier offensichtlich auf dem Rücken einer vermeintlich schwächeren gesellschaftlichen Randgruppe Meinung zu machen und ihre ideologischen Einstellungen in der Drogenpolitik zu progagieren.

Marco Jesse, Mitglied des JES-Sprecherrates, führt hierzu aus:

"Dem 'Modellversuch zur kontrollierten Abgabe von Heroin an Schwerstabhängige' wurden, nach Ablauf der Hälfte der geplanten Versuchsdauer, in allen beteiligten Städten positive Effekte auf die Teilnehmer bescheinigt. Die Abgabe von Heroin an einen Teil von DrogengebraucherInnen wird im benachbarten Ausland bereits seit Jahren erfolgreich als ein Baustein des Drogenhilfesystems angeboten und in Anspruch genommen."

Dieses Projekt als "staatliches Angebot zum Verharren in der Sucht" zu bezeichnen sei in höchstem Maße zynisch. Die Überlebenshilfe und den Schaden minimierende Angebote, zu denen sowohl Originalstoffvergabe als auch Substitutionsbehandlung gehören, können den betroffenen Menschen überhaupt erst die Möglichkeit geben, sich ohne Beschaffungsdruck und ohne die Infektion mit schweren Erkrankungen zu entscheiden, wie sie Ihre Zukunft gestalten wollen.

Das die Heroinvergabe, auch gemessen an Abstinenzansprüchen, eine Erfolg versprechende Möglichkeit ist beweisen nicht zuletzt die Studienteilnehmer, die sich zwischenzeitlich entschieden haben ein drogenfreies Leben zu führen. Aber auch für alle anderen bedeutet die Teilnahme an dem Versuch eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität. Der Gesundheitszustand verbessert sich ebenso deutlich, wie die Wohn- und zum Teil auch die Arbeitssituation.

Den von Frau Gönner getätigten Aussagen, dieses Modell sei ein falsches Signal an die Abhängigen, widerspricht Max Plenert von Verein für Drogenpolitik direkt:

"Das Heroinabgabe-Projekt entspricht vielleicht nicht dem von Frau Gönner propagierten Ideal der totalen Abstinenz, für die Betroffenen jedoch ist es mehr als ein hoffnungsvolles Signal. Dieses Angebot ist der staatliche Versuch Menschen beim Überleben zu helfen und es ihnen zu ermöglichen trotz ihrer Abhängigkeit ihr Leben zu normalisieren. Es ist bedauerlich, daß alleine der Modellversuch eines Hilfsangebotes, welches im Ausland schon seit Jahren erfolgreich genutzt wird, noch immer so viele Bedenken auslösen kann."

Den Vorwurf, dieses Projekt erreiche viel zu wenige Abhängige, teilt der Verein für Drogenpolitik mit Frau Gönner. Leider zeigt die CDU Landesregierung derzeit kein Interesse an einer Ausweitung von niederschwelligen Angeboten für Drogenabhängige. Bei dem Thema Drogenkonsumräume, die in anderen Bundesländern positive Effekte erzielt haben, zeigt sich einmal mehr die ideologisch Blockade in den Köpfen der konserativen Drogenpolitiker zu Lasten der Betroffenen.

Das bundesweite Netzwerk von Junkies, Ehemaligen und Substituierten und der Verein für Drogenpolitik wünschen im Interesse der Betroffenen dem Modellversuch weiterhin viel Erfolg und hoffen, daß bei einem positiven Endergebnis dieses Instrument in der Drogenhilfe bald flächendeckend verfügbar sein wird.