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Jugendliche und Politik (2002-09-19)
SPIEGEL ONLINE - 18. September 2002, 10:12

Jugendliche und Politik
 
"Toll! Die wollen Haschisch erlauben!"

Von Rüdiger Strauch

Stoiber? Nie gehört. - Sozialkundeunterricht kann für deutsche Lehrer
frustrierend sein. Vielen Jugendlichen fehlt jedes Interesse an Politik.
Jetzt werden bundesweit 60.000 Schüler beim Projekt "Juniorwahl" auf eine
fiktive Abstimmung vorbereitet. Die Ergebnisse bleiben bis zum Wahlabend
geheim.

Berlin - Am Rand der Hauptstadt, direkt an der Landstraße 2 bei Neubeeren,
wachsen 2500 Lärchen. Und sie gedeihen gut, aber unauffällig. Nur aus der
Luft lässt sich erkennen, dass die Bäume in Form eines großen "A" gepflanzt
sind. Die Spitze des Buchstabens zeigt direkt auf den Deutschen Bundestag in
der Mitte Berlins.

Jugendliche haben für das politisch motivierte Aufforstungsprojekt gesorgt.
Das Pflanzen-A soll die Berufspolitiker im Parlament daran erinnern, was
junge Menschen von der Politik erwarten: A wie Antworten. Antworten auf ihre
Fragen und Belange. Allerdings nicht alle Jugendlichen. Vielen von ihnen ist
Politik herzlich egal. "Who the fuck is Müntefering?" - dieser Spruch ist
unter den Kundigeren von ihnen zum Synonym dafür geworden, dass sich
Mandatsträger um die Interessen junger Menschen meist wenig kümmern.


"Who the fuck is Müntefering?"

Politik? Was ist das? Und wer macht die eigentlich? Die meisten Jugendlichen
interessiert das kaum. "Edmund Stoiber war vielen meiner Schüler völlig
unbekannt", sagt Thomas Schäfer. Der 36-jährige Politikwissenschaftler
unterrichtet an der Heinrich-Hertz-Hauptschule in Berlin-Spandau: kein
ausgesprochener Problembezirk der Hauptstadt, aber doch gebeutelt von hoher
Arbeitslosigkeit (18,5 Prozent) und mit vielen Familien, die von Sozialhilfe
leben.

Zum zweiten Mal beteiligt sich Schäfer mit seinen Kollegen an den
"Juniorwahlen". Wie schon zu den Berliner Abgeordnetenhaus-Wahlen im Herbst
2001 werden in der Woche vor der Bundestagswahl die Schüler der siebten bis
neunten Klassen an die Urnen strömen, um in einer fiktiven Wahl abzustimmen.

Alle sind unter 18 Jahre alt, also eigentlich noch nicht wahlberechtigt. Die
"Juniorwahl 2002", ein Projekt der Initiative "Kumulus" und der
Bundeszentrale für politische Bildung, soll Jugendliche jedoch frühzeitig an
die Politik heranführen und beweisen, dass jeder Wähler ein Teil des Ganzen
ist. Bevor es zu spät ist; bevor die Wahlmüdigkeit mit steigendem Alter so
groß wird, dass das Heer der politikverdrossenen Nichtwähler weiter
anwächst.

Jeder ist ein Teil des Ganzen

Ein kleiner Teil des Ganzen: "Juniorwahlen" sollen junge Menschen mit
politischen Vorgängen vertraut machenDass sich Jugendliche nur selten für
Politik wenn schon nicht begeistern, so doch wenigstens interessieren, hat
nach Ansicht von Gerald Wolff zumeist mit mangelnder Kenntnis zu tun. Erst
recht, wenn nicht irgendwer dafür sorgt, dass in Schulen oder Jugendtreffs
über Politik diskutiert wird. Deshalb will der Kumulus-Projektleiter diesen
Teufelskreis durchbrechen. Gemeinsam mit etwa 30 Mitgliedern des
überparteilichen Vereins koordiniert Wolff die Juniorwahlen in bundesweit
rund 250 Bildungseinrichtungen.

Längst ist die 1998 in Berlin gegründete Initiative den Kinderschuhen
entwachsen. Inzwischen übernahm sogar Bundespräsident Johannes Rau die
Schirmherrschaft. Vor der Stimmabgabe der teilnehmenden 60.000 Schüler muss
der SPD-Politiker allerdings nicht zittern - ihr Votum fließt schließlich
nicht ins amtliche Endergebnis ein. Die Juniorwahl ist und bleibt eine
Randerscheinung der großen Politik. Aber eine interessante.

Schlaumeiertum der Erwachsenen

Denn für welche Partei entscheiden sich Jugendliche, die über politische
Vorgänge weniger rational und ohne Grundüberzeugungen, vielmehr nach Gefühl
und Intuition urteilen? Hauptschullehrer Schäfer hat so seine Erfahrungen:
"Die 'Wahrheit' verkürzt sich bei jungen Menschen auf enorm kleine Dinge",
meint der Klassenleiter. Als seine Schüler parallel zur Berliner
Abgeordnetenhaus-Wahl abstimmten, errangen die Grünen weit über 30 Prozent.
Die Begründung der grünen Schüler folgte auf dem Fuße: "Die wollen Haschisch
erlauben."

Schäfer wäre ein schlechter Pädagoge, hätte er für diese Logik nicht auch
Verständnis. Wenn mancher erwachsene Wahlberechtigte seine Entscheidung von
Optik und Auftreten der Kandidaten-Gattinnen abhängig mache, sei es
Jugendlichen doch wohl erlaubt, sich vergleichbarer, aber grundverschiedener
Argumentationsmuster zu bedienen. "Die Schlaumeier-Haltung der Erwachsenen
ist völlig unangebracht", findet Schäfer.

Überheblichkeit verbietet sich nicht zuletzt auch deshalb, weil die
"Juniorwahl" der wirklichen Wahl technisch weit voraus ist. Zunächst
gestaltet sich die Prozedur wie bei jeder demokratischen, gut organisierten
Wahl: Berufung des Wahlvorstandes, Erstellen eines Wählerverzeichnisses,
Verschicken der Wahlbenachrichtigungen. Doch am Wahltag selbst trennen sich
die Wege von "Juniorwahl" und Bundestagswahl. Die "Juniorwahl" sprintet mit
ausgeklügelter Technik auf und davon.

Technik von morgen für die Wähler von morgen

In den Wahlkabinen steht ein Computer mit Maus, aber ohne Tastatur. Die
Schüler geben auf einer virtuellen Tastatur einen vorher zugeteilten Code
ein und sind dann zur Wahl berechtigt. Ein Klick und eine Bestätigung,
dasselbe noch einmal - und Erst- und Zweitstimme landen bei den Parteien und
Kandidaten. Ein System, das in Zukunft möglicherweise auch bei wirklichen
Wahlen zum Einsatz gelangt. Daran arbeitet das Kasseler Unternehmen
Micromata, von dem Kumulus unterstützt wird. Eine wissenschaftliche
Auswertung der Wahlergebnisse erfolgt auf Grundlage von Befragungen durch
namhafte Politikdidaktiker.

Wie ernst Wissenschaftler, aber auch Politiker die "Juniorwahlen" nehmen,
beweist nicht nur die Kooperation mit prominenten Experten. Von
Projektbeginn an drängten Landes- und Bundeswahlleiter darauf, die
Ergebnisse der Schul-Abstimmungen nicht vor Schließung der echten Wahllokale
bekannt zu geben - die Ergebnisse, so ihre Sorge, könnten die Entscheidungen
der Erwachsenen beeinflussen. "Das zeigt, dass wir keine Kinkerlitzchen
veranstalten", freut sich Gerald Wolff von Kumulus.

Der Stolz des 29-jährigen Wirtschaftsingenieurs könnte noch wachsen, würde
sich ein weiterer erhoffter Erfolg seiner Initiative einstellen: Politische
Diskussionen sollen in der Schule angeregt und in die Familien getragen
werden. Ähnlich wie in den USA, wo das Projekt unter dem Namen "Kids Voting"
bekannt ist, könnten Eltern eine zweite Chance zur politischen Sozialisation
erhalten. Deren Wahlbeteiligung, so ergaben Auswertungen in den Vereinigten
Staaten, steigerte sich in Folge von "Kids Voting" um teilweise über neun
Prozent.