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Daum Unschuldig gelitten (2002-05-08)
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.05.2002, Nr. 105 / Seite 11

Daum Unschuldig gelitten

Christoph Daum zeigt sich am Ende des Prozesses reumütig

mtz. KOBLENZ, 6. Mai. "Ich habe die schwerste Zeit meines Lebens durchgemacht. Ich habe unschuldig mehr als ein halbes Jahr gelitten." So spricht der 47 Jahre alte Fußballtrainer Christoph Daum am dreißigsten und letzten Tag seines Koblenzer Prozesses. Von den Vorwürfen der Koblenzer Staatsanwaltschaft, die in Daum einen heftigen Kokainkonsumenten und einen Anstifter zu Kokainhandel in einer größeren Menge (100 Gramm) gesehen hatte, ist nur wenig geblieben. Zwölf mal sei Daum im Besitz von Kokain gewesen. Auf diesen Tatbestand haben sich die Staatsanwaltschaft, die drei Verteidiger Daums, der Angeklagte selbst und schließlich auch das Gericht verständigt. Die Kammer des Koblenzer Landesgerichtes hat im Einvernehmen mit allen Beteiligten hier das Verfahren eingestellt. Christoph Daum wird insgesamt 10 000 Euro an zwei Organisationen zahlen, die sich mit der Betreuung drogengefährdeter Jugendlicher beschäftigen.
Kommt Daum dieser Auflage nach, so gilt das Verfahren als eingestellt.

In weiteren 51 angeklagten Fällen des Drogenbesitzes und bezüglich des Vorwurfs, der Angeklagte habe einen inzwischen verurteilten Mitangeklagten zum Erwerb von 100 Gramm Kokain angestiftet, kommen Staatsanwaltschaft, Verteidigung und schließlich auch das Gericht zu der gemeinsamen Erkenntnis, daß dieser Vorwurf nicht haltbar ist. Der Vorsitzende Richter Ulrich Christoffel spricht von einem "leisen Ende", "einer einvernehmlichen Beendigung des Verfahrens". Wie vor ihm der Staatsanwalt kommt Christoffel zu dem Schluß, in diesen Punkten sei Daum freizusprechen. Auf Rechtsmittel wird verzichtet. Applaus auf den Zuschauerrängen - von der Richterbank gibt es hierzu keine Rüge.

"Ich habe aus meinen Fehlern gelernt", sagt Daum in seinem Schlußwort. Der Vertreter der Anklage hat zuvor noch einmal begründet, weshalb er nun auch für einen Freispruch eintritt. Der bei der letzten Sitzung angehörte Sachverständige habe die vorher von ihm vertretenen Auffassungen "revidiert". Die 63 angeklagten Fälle, in denen Daum Kokain zu sich genommen habe, seien nicht mehr anzunehmen gewesen. Gleiches gelte für die Anstiftung zum Kauf von 100 Gramm Kokain. Bei einem Gelegenheits-User, der Daum offenbar gewesen sei, sei ein solches Verhalten nicht zu erwarten.

Der Vertreter der Anklage verläßt das Gericht mit versteinerter Miene. Daum selbst gibt vor dem Koblenzer Landgericht nach seinem Freispruch eine improvisierte Pressekonferenz. Er lobt seine drei Verteidiger, die alle Möglichkeiten ihrer Kunst genutzt hätten. Ungerechtfertigt sei er beschuldigt worden. Er dankt allen, die trotzdem zu ihm gehalten hätten. Besonders erwähnt er seine Kinder, seine Familie und alle, die mit ihm gelitten hätten. Es sei eine schwere Zeit gewesen. Und noch einmal zeigt er sich auch reumütig: "Ganz klar möchte ich sagen, daß ich meine Fehler eingesehen habe." Der Freispruch, so Daum, könne allerdings nicht all das ungeschehen machen, was er habe durchmachen müssen. Daum hofft darauf, daß es für ihn als Berufsfußballtrainer kein Berufsverbot geben werde. Aber er läßt auch durchblicken: "Eine Jubelstimmung gibt es nicht."



Die Affäre Christoph Daum

2. Oktober 2000: Daum stellt gegen Uli Hoeneß Strafanzeige wegen Verleumdung und übler Nachrede. Der Manager von Bayern München hatte mit Andeutungen die Daum-Affäre ins Rollen gebracht.

3. Oktober: Hoeneß sagt, von Erpressungsversuchen und Prostitution habe er nie gesprochen. Daum weis Drogen-Vorwürfe zurück: "Es war nie etwas und wird nie etwas sein."

4. Oktober: Beckenbauer fordert einen Friedensgipfel. Daum stellt klar: "Ich werde Bundestrainer."

9. Oktober: Daum willigt ein, eine Haaranalyse wegen der Verdächtigungen vornehmen zu lassen.

10. Oktober: Hoeneß weist alle Vorwürfe zurück: "Ich habe und hatte nicht vor, Christoph Daum zu diskreditieren."

15. Oktober: Die Task-Force-Kommission des DFB stellt sich hinter Daum.

20. Oktober: Daum erhält vom Institut für Rechtsmedizin der Uni Köln die positiven Ergebnisse der Haarprobenanalyse. Er bittet die Geschäftsleitung von Bayer Leverkusen um die Entbindung von seinen Aufgaben und unterrichtet den DFB.

21. Oktober: Bayer Leverkusen verkündet die Trennung von Daum und die Ernennung von Rudi Völler als Interims-Trainer. Der DFB erklärt, die am 2. Juli getroffene Vereinbarung, nach der Daum am 1. Juni 2001 Bundestrainer werden solle, werde aufgelöst. Daum zieht sich nach Florida zurück.

27. Oktober: Die Staatsanwaltschaft Koblenz hat Ermittlungen wegen des Verdachts auf unerlaubten Besitz von Betäubungsmitteln aufgenommen.

16. November: Daum legt zu seiner Entlastung eine Haaranalyse vor, die seine Unschuld beweisen soll.

15. Dezember: Bayer Leverkusen beendet das Arbeitsverhältnis mit Daum.

17. Dezember: In einem Interview erklärt Daum seine Bereitschaft, mit der Staatsanwaltschaft zu kooperieren.

11. Januar 2001: Überraschend kehrt Daum aus Amerika nach Köln zurück.

12. Januar: Daum gesteht erstmals ein, daß er Drogen konsumiert hat.

7. März: Daum tritt beim türkischen Club Besiktas Istanbul die Nachfolge von Nevio Scala als Trainer an.

17. April: Daum erhält vom türkischen Innenministerium die Aufenthaltserlaubnis.

30. Mai: Die Staatsanwaltschaft Koblenz erhebt Anklage gegen Daum. Sie wirft ihm unerlaubten Erwerb von Kokain in 63 Fällen vor. Zudem wird ihm "Anstiftung zum Handeltreiben mit Kokain in nicht geringer Menge" zur Last gelegt.

23. Oktober: Erster Prozeßtag vor dem Koblenzer Landgericht; die Verteidigung fordert die Einstellung des Verfahrens.

21. Dezember: Daum legt ein Teilgeständnis ab.

29. Januar 2002: Landesgericht Koblenz regt Abtrennung des Verfahrens von der Verhandlung gegen die beiden Mitangeklagten an. Zuvor fordert Daums Anwalt Rolf Stankewitz die Einstellung des Verfahrens.

6. Mai 2002: 30. Verhandlungstag: Einstellung des Verfahrens in zwölf Fällen und Freispruch für die übrigen Anklagepunkte.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.05.2002, Nr. 105 / Seite 11