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Deutsche Drogenküchen (2002-05-03)
"Zeit" am 03.05.02
http://www.zeit.de/2002/19/Wissen/200219_europol.html




Deutsche Drogenküchen

Europol-Chef Jürgen Storbeck über den Ecstasy-Markt Europa

Von Martin Klingst (Gesprächsführung)



die zeit: Herr Storbeck, wenn es um die Herstellung und den weltweiten
Vertrieb von Drogen geht, zeigen wir Europäer immer mit dem Finger auf
Länder wie Kolumbien, auf Afghanistan, die Türkei und die Balkanstaaten. Ist
das noch gerechtfertigt?

Jürgen Storbeck: Nein, denn inzwischen ist die Europäische Union selbst zu
einem Produktionsraum für Drogen geworden - und zwar für jene, die in der
Produktion und im Konsum die höchsten Zuwächse verzeichnen: Das sind die
synthetischen Drogen und vor allem Ecstasy.

zeit: Wo werden sie hergestellt?

Storbeck: Im Wesentlichen in den Benelux-Staaten und in Deutschland. Von
hier aus hat man - teils allein, teils in Zusammenarbeit mit ost- oder
zentraleuropäischen, aber auch israelischen Drogenkartellen - einen
weltweiten Markt erschlossen, der sich bis nach Nordamerika, Ostasien und
Südafrika erstreckt.

zeit: Findet hier ein Verdrängungswettbewerb statt?

Storbeck: Nein, die Produktion und der Konsum von Heroin und Kokain haben
sich auf einem sehr hohen Niveau eingependelt. Synthetische Drogen sind ein
zusätzlicher Markt - und die Europäische Union ist hier leider führend. Nur
eine Zahl: In den vergangenen 12 bis 16 Monaten haben die Europäer 80
Prozent des weltweiten Ecstasy-Marktes gestellt.

zeit: Hagelt es nicht Beschwerden aus dem Ausland? Wird nicht gefragt: Was
tut ihr Europäer dagegen?

Storbeck: Doch, doch, am laufenden Band. Fast jeden Monat kommen leitende
Polizeibeamte aus Japan, Australien und Nordamerika zu Europol nach Den Haag
und fordern uns auf, noch größere Anstrengungen zu unternehmen. Die
Ausbreitung synthetischer Drogen ist Gegenstand sehr vieler Gespräche -
selbst hoher Staatsvisiten. Der Anstieg dieses Marktes ist in der Tat
dramatisch. Er hat sich nicht nur verzehnfacht, sondern verhundertfacht. In
einigen Staaten außerhalb der Europäischen Union ist er sogar um 500 Prozent
angewachsen.

zeit: Und kann Europol erste Erfolge verzeichnen?

Storbeck: Ja, gemeinsam mit den nationalen Polizeien, denn Europol ist eine
Unterstützungsbehörde. Zur Jahreswende konnten im deutsch-niederländischen
Grenzbereich viele Drogenlabors ausgehoben werden. Und vor drei Wochen haben
wir Kontrollen an Flughäfen unterstützt und dabei umfangreiche Ladungen
synthetischer Drogen mit dem Ziel Australien und Nordamerika sichergestellt.

zeit: Reicht das Europol-Personal?

Storbeck: Wir haben ein gutes Team, aber wir könnten, weil der Bedarf hoch
ist, die Anzahl unserer Mitarbeiter gut und gerne verdoppeln. Und alle
hätten nach wie vor genügend Arbeit. Doch wir müssen uns nach der Decke
strecken, das heißt: wir müssen Prioritäten setzen. Wenn also der Auftrag
lautet, Europol soll sich stärker gegen den internationalen Terrorismus oder
Geldfälscherbanden engagieren, dann können wir nicht mit der gleichen
Intensität gegen die Produktion synthetischer Drogen vorgehen.

Die Fragen stellte Martin Klingst