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Fixen im Knast (2002-04-28)
"Frankfurter Rundschau" am 27.04.02
http://www.fr-aktuell.de/fr/231/t231003.htm



Fixen im Knast


Schöngrün in der Schweiz ist das einzige Gefängnis Europas, in dem
Drogenabhängige Heroin spritzen dürfen - zur Behandlung ihrer Sucht.

Frank Ringi* haut die Ampulle mit Heroin in seinen Oberschenkel, mitten in
den Muskel. Wie immer hat er seine Arbeitshose für den Druck gegen eine
Jogginghose getauscht, die unten an den Knöcheln Reißverschlüsse hat. Sonst
könnte er sein Bein nicht frei machen. Denn seine Venen an den Armen findet
Ringi nicht mehr. Hinter ihm sitzt ein Aufseher in Uniform und schaut zu.
Ringi sitzt mit zwei anderen Männern an einem Tisch, alle drei gebeugt. Sie
gucken sich nicht an, ihre Augen sind auf die Spritzen gerichtet, die sich
in ihr Fleisch bohren und die durchsichtige Flüssigkeit in den Körper
leiten. Keine Regung im Gesicht des Aufsehers. Er sitzt da wie ein
Museumsordner, der seit 20 Jahren Selbstportraits von Van Gogh bewacht.

Ringis Gegenüber, ein schlaksiger Italiener mit Glatze, hat den Unterarm auf
den Tisch gelegt, hält ganz still und zielt in den Handrücken zwischen
kleinen Finger und Ringfinger. Blut rinnt über seine Hand, er sackt
verzweifelt in sich, schüttelt den Kopf. Daneben. Er sticht nach, noch mehr
Blut kommt entgegen, aber das Zeug muss trotzdem rein. "Versuch's doch mal
bei der anderen Vene", rät eine zierliche Krankenschwester.

Eigentlich liegt die Strafanstalt Schöngrün in Oberschöngrün, oberhalb des
kleinen Dorfes Schöngrün im Schweizer Kanton Solothurn. "Ein Gefängnis schön
grün zu nennen, ist ja schon pervers - und dann noch Oberschöngrün", sagt
der Sozialarbeiter Urs Weibel in Schweizer Dialekt und lacht, nein, das gehe
beim besten Willen nicht. Das Gefängnis Strafanstalt zu nennen, ist
zumindest für 35 der 75 Häftlinge paradox. Zwölf von ihnen spritzen Heroin,
23 schlucken Methadon. Schöngrün ist das einzige Gefängnis in Europa, in dem
Heroinabhängige Drogen konsumieren dürfen, zur Behandlung ihrer Sucht. "Für
die Abhängigen ist es ein Privileg, hier zu sein", meint Weibel, "wir passen
24 Stunden auf und betreuen sie viel besser als draußen, wo sie sich den
Stoff in einer Praxis abholen und sonst mit ihren Problemen alleine sind."

Morgens, halb sieben. Ein Aufseher öffnet eine Zellentür nach der anderen,
guckt in jede herein und sagt: "Guten Morgen." Die Häftlinge müssen
antworten, nicht weil sie zu Höflichkeit erzogen werden. "Lebendkontrolle"
nennen die Aufseher das Wecken. Frank Ringi und die anderen Abhängigen
könnten ohnehin nicht verschlafen, zu stark ist am Morgen die Sucht nach dem
Heroin, das im kleinen Arztzimmer zehn Türen weiter bereits in die Ampullen
gefüllt wird.

"Du musst dich nicht erst aufraffen, den Bus zu einer Praxis zu nehmen",
sagt Frank Ringi. Der 35-Jährige ist blass, drei Zähne fehlen ihm im
Unterkiefer. 16 Jahre Heroin lassen sich nicht verbergen. Der Gang zur
Krankenschwester ist für ihn genauso normal wie zur Toilette oder zum Essen.
Am Mittag und am Abend gehen die Männer gemeinsam nach den Mahlzeiten die
Treppe vom Speiseraum hoch zur Drogenabgabe in den ersten Stock.

In dem Zimmer riecht es nach Desinfektionsmittel, wie in jedem anderen
Arztzimmer auch. Die Wände sind weiß, direkt neben der Tür ist ein
Waschbecken, rechts an der Wand steht eine Liege, links ein Tisch. "Am
Anfang hatte ich Hemmungen, mich hier zu spritzen, weil es so hell und
sauber ist", erinnert sich Frank Ringi. "Es war paradox, im Gefängnis Drogen
zu konsumieren, ein Verbrechen, für das ich verurteilt wurde." Auf dem Tisch
stehen Plastikkörbchen mit Wundsalbe, Pflastern und Stauschläuchen. "Wir
müssen nicht mal die Spritzen selbst aufziehen", sagt Ringi. Die
Krankenschwestern bereiten alles vor, notieren genau, wie viel Heroin jeder
spritzt. Dem glatzköpfigen Italiener geben sie Haferflocken mit, gegen die
Verstopfung, eine der Nebenwirkungen von Heroin. Sie geben Frank Ringi seine
Tabletten, die er, wie viele der Abhängigen, zum Leben braucht. Er ist
HIV-positiv. Trotzdem beneiden ihn gesunde Häftlinge dafür, dass er dreimal
am Tag eine Frau sieht.

Das Gefängnisgelände ist umzingelt von alten Laubbäumen. Stiefmütterchen und
Bodendecker säumen die Wege. Auf einer Wiese vor dem Eingangstor grasen
Kühe, zwei Männer laden Heuballen in eine Scheune, direkt daneben stehen die
Auslagen des Hofladens mit Kürbissen und Brot. Ein Häftling fährt mit einem
Traktor nach draußen durch das Gittertor, das zwar mit Stacheldraht erhöht
ist, aber die ganze Zeit offen steht. Ein Schild weist zu Schreinerei,
Gartenbau und Küche.

In der Schreinerei hobelt ein Mann eine Seitenwand für eine Kommode, ein
Verona-Feldbusch-Kalender hängt einsam an der Wand wie ein Kruzifix. Ein
anderer Mann hat gerade die Sägemaschine angestellt, die das Radio übertönt,
das in jeder Werkstatt läuft. Uncle Cracker oder Britney Spears,
Gute-Laune-Musik gehört zum Arbeitsalltag. Eine Garage weiter sortiert ein
Dutzend Männer Blumenkohl und Salatköpfe, die sie heute früh in den
Gewächshäusern geerntet haben. Die meisten kommen auf den Großmarkt, ein
paar in die Gefängnisküche.

Frank Ringi arbeitet zusammen mit drei anderen Häftlingen in der so
genannten geschützten Werkstatt, weil sie Allergien und Rückenprobleme
haben. Zwei der Männer schlucken Methadon, zwei spritzen Heroin, alle
stecken Bewegungsmelder für Lampen zusammen, fast immer im Takt. Alle tragen
sie die gleichen blauen Arbeitshosen. Das Oberteil können sich die Männer
selbst aussuchen. Die Hosen aber vereinen sie und sind die einzigen
Merkmale, die daran erinnern, dass Schöngrün ein Gefängnis ist, ein Ort, an
dem Arbeitslosigkeit ein Fremdwort ist und jeder einen Job hat, egal ob
krank oder gesund, Drogendealer oder Mörder. Fremde erkennen nicht, wer
abhängig ist und wer nicht.

Philippe Brossard* macht in der Küche eine Lehre zum Koch. Der 30-Jährige
ist ebenfalls heroinabhängig, aber er will kein Heroin mehr spritzen und
geht deshalb nur am Abend zu der Krankenschwester, um mit Methadon die Sucht
zu befriedigen. "Ich mache eine Lehre", deshalb habe er sich gegen Heroin
und für Methadon entschieden. "Was würde man in der Berufsschule denken,
wenn ich einschlafe oder mittags sage: ,Ich hole mal kurz mein Heroin'." Er
lacht bei der Vorstellung. Die Entscheidung für Methadon oder Heroin treffen
die meisten Abhängigen nicht aus medizinischen Gründen.

In sechs Monaten hat Brossard Abschlussprüfung, danach wird er aus der Haft
entlassen und aus der Schweiz ausgewiesen, weil er Franzose ist. "Allein
deshalb kann ich kein Heroin nehmen, wenn die Therapie länger dauert, was
sollte ich dann machen?" Nur in der Schweiz behandeln ihn Ärzte mit Heroin,
in Deutschland startet gerade erst eine entsprechende Versuchsreihe.
Brossard will nach Deutschland, wohin weiß er nicht. Auf keinen Fall nach
Hamburg, da sei der Schill, die Wahl und die Karriere des rechten Hardliners
zum Innensenator habe er im Fernsehen in seiner Zelle verfolgt. Genau wie
die Terroranschläge vom 11. September. Eine Schweigeminute gab es hier aber
nicht, erzählt er. "Das ist draußen, wir sind drinnen." Die Gefängnismauern
als Schutz vor der Realität und vor sich selbst.

"Es ist schön, etwas zum Ende gebracht zu haben", sagt Brossard, er ist
stolz darauf, endlich ein Ziel zu erreichen, das erste Mal in seinem Leben.
Dafür bringt ihn ein Aufseher einmal die Woche in die nahe Stadt Solothurn
und achtet darauf, dass er in die Berufsschule geht. Sein Ziel schreibt die
Gefängnisleitung vor, Arbeitspflicht verordnet das Schweizer
Strafgesetzbuch. "Arbeit ist gut", sagt Brossard heute, früher habe er seine
Probleme durch die Drogen gelöst. "Hier bin ich abgelenkt."

Mittags, kurz vor zwei Uhr. Es ist still, das Radio ist noch nicht wieder
an. Nur zwei Häftlinge sitzen an dem großen Tisch der "geschützten
Werkstatt" und basteln Bewegungsmelder zusammen. Schon seit einer halben
Stunden trennen sie wieder Kabel, um sie dann in die Buchsen der Stecker zu
schrauben. "Die Postkarten an der Wand kommen von den Kollegen auf der
Flucht", scherzt einer. Flucht? "Ja, Flucht vor Problemen." Frank Ringi und
sein Kollege sind noch im Arztzimmer und spritzen Heroin. Als Ringi nach
einer halben Stunde wiederkommt, stellt er das Radio wieder an, nicht zur
Unterhaltung, sondern um wach zu bleiben. Das Heroin hat ihn ruhig gestellt,
müde gemacht, ein Nachteil der Therapie. Er sitzt in der Ecke und muss sich
konzentrieren, um nicht einzunicken.

Alle zwei Wochen treffen sich die abhängigen Männer mit einem Psychologen zu
einem Gespräch. Im kleinen Kreis besprechen sie ihre Probleme. "Man ist
einsam", sagt Frank Ringi. Er will nicht seine Gefühle preisgeben, spricht
nur von der Gruppe. "Es tut gut, wenn man über die Probleme spricht, sie
einfach abladen kann." Die wenigsten haben im Gefängnis Freunde, mit denen
sie reden können, eher fühlen sie sich wie Kollegen, mit denen man einen
Kaffee trinkt und ein bisschen plaudert. Deshalb haben die Häftlinge alle
sechs Wochen ein Wochenende frei, für den Kontakt zu den Leuten draußen.

Freitagabend. Frank Ringi wird von seinen Eltern abgeholt, wie einige andere
auch. Sie steigen ins Auto und fahren in die Heimat, Familie Ringi nach
Bern. Der Urlaub ist keine Belohnung, weder für eine erfolgreiche Therapie
noch für harte Arbeit. "Resozialisierung" nennt Urs Weibel die freien Tage.
"Hier akzeptiert sie jeder, draußen müssen sie erst wieder sozialen Halt
finden und neue Leute kennen lernen, damit sie nach der Entlassung aus der
Haft nicht wieder abstürzen." Philippe Brossard hat auch draußen keine
Freunde, nur Bekannte aus der Drogenszene, mit denen er nichts mehr zu tun
haben will. Er bleibt lieber im Gefängnis, als zu seinen Eltern zu fahren.
Er hat Angst, dass ihn jemand auf der Straße erkennt, ihn grüßt und fragt,
wie es ihm geht. "Urlaub", sagt er, "das ist der Horror".

Von Susanne Gebhardt

*Die Namen der Häftlinge sind geändert.

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Drogen gegen die Sucht


In Deutschland konsumieren etwa 120000 Menschen Heroin, 100 von ihnen legal
zur Behandlung ihrer Sucht. Sie sind die ersten Patienten einer Ambulanz in
Bonn, die Teil des "Modellprojektes zur heroingestützten Behandlung
Opiat-Abhängiger" der Universität Hamburg ist. Insgesamt sollen an dem
Versuch 1120 Schwerstabhängige teilnehmen. Neben Bonn werden bis Juli dieses
Jahres in Frankfurt, Hamburg, Hannover, Karlsruhe, Köln und München
Heroin-Ambulanzen eröffnet.

Durch Substitution, so der Fachbegriff für die Behandlung mit Methadon oder
Heroin, bleiben die Patienten zwar abhängig, sollen aber wieder sozialen
Halt finden. Lange war die abstinenzorientierte, zumeist stationäre
Behandlung mit einem vorausgehenden Entzug der Königsweg in der Behandlung
Drogenabhängiger, doch nur ein Teil ist zu dieser Form der Therapie bereit.
"Das ist ein Kennzeichen starker Abhängigkeit", sagt Gerhard Bühringer,
Leiter des Instituts für Therapieforschung (IFT) in München. "Der Körper hat
die Droge in den Stoffwechsel eingebaut, vorstellbar wie ein Hormon. Wird
die Droge abgesetzt, kommt es zu Stoffwechselstörungen, den unangenehmen
Entzugserscheinungen."

Die Behandlung mit einer Droge ist nicht neu. Bereits seit 1990 wird in
Deutschland mit Methadon substituiert. Methadon ist wie Heroin ein Opiat. Es
wirkt allerdings länger als Heroin. Im Gegensatz zu Heroin verursacht
Methadon jedoch keinen Kick (keine Rausch-Erlebnisse). Viele Patienten
werden deshalb rückfällig und konsumieren zusätzlich Heroin, Kokain,
Benzodiazepine oder große Mengen von Alkohol. Dieser Beikonsum ist die
gefährlichste "Nebenwirkung" der Substitution mit Methadon. Immer wieder
sterben Abhängige an einer Atemdepression wegen Überdosis durch
Mehrfachkonsum verschiedener Substanzen. Das Methadon schlucken die
Patienten einmal täglich in einer Praxis - "eine andere Philosophie als bei
der Abstinenzbehandlung", sagt Bühringer: "Wenn die Patienten nicht aufhören
wollen, versucht man wenigstens, den Schaden für die Patienten und die
soziale Umwelt zu minimieren." Das Ziel: Beschaffungskriminalität, Aids- und
Hepatitis-Erkrankungen zu reduzieren sowie die Lebenssituation allgemein zu
verbessern.

Derzeit werden in Deutschland rund 40000 Heroinabhängige mit Methadon
substituiert. Wie viele mit der Substitution die erhofften Therapieziele
erreicht haben oder gar den Methadonkonsum aufgegeben haben, lässt sich
nicht sagen. Es gibt zwar Zahlen aus Untersuchungen zu Verbesserungen beim
Gesundheitszustand und bei der Belastung der Behandelten, aber nur wenige
Daten zu den Personen, die nach einer Substitution abstinent geworden sind.
Der Anteil scheint nach dem bisherigen Kenntnisstand sehr gering.

Mit der Heroin-Studie in Deutschland soll nun geklärt werden, ob die
Behandlung mit Heroin zusätzliche Patienten anspricht. In der Studie spritzt
die eine Hälfte der Probanden Heroin, die andere schluckt Methadon. Parallel
wird untersucht, welche Erfolge eine zusätzliche psychotherapeutische
Behandlung bringt.

Die Teilnehmer müssen mindestens 23 Jahre alt und fünf Jahre heroinabhängig
sein. Außerdem darf nur behandelt werden, wem bisher keine andere Therapie
geholfen hat - eine Absicherung, um Anreize durch die Droge zu vermeiden.
Der Bund finanziert den Versuch mit 9,9 Millionen Euro. In Fachkreisen wird
heftig diskutiert, ob dieser hohe Betrag für eine vergleichsweise kleine
Gruppe von Drogenabhängigen sinnvoll eingesetzt ist.

Dagegen zeigen Statistiken aus der Schweiz, dass langfristig - vor allem
durch einen Rückgang der Straftaten und eine Verbesserung des
Gesundheitszustands der Abhängigen - pro Behandlungstag mehr als 30 Euro
gespart werden. Verläuft die Studie erfolgreich, könnte nach der Schweiz
auch in Deutschland Heroin als Fertigarzneimittel zugelassen werden.

Reines Heroin scheint nach dem bisherigen Kenntnisstand nur geringe
Nebenwirkungen zu verursachen. "Das nehmen wir an", sagt Gerhard Bühringer
vom IFT, "genau wissen wir das erst nach vielen Jahren des regelmäßigen
Gebrauchs".


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Copyright © Frankfurter Rundschau 2002
Dokument erstellt am 26.04.2002 um 21:13:01 Uhr
Erscheinungsdatum 27.04.2002