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Heimlich und hastig ernten die Bauern in Afghanistan ihr Opium (2002-04-17)
"Nürnberger Nachrichten" am 17.04.02
http://www.nn-online.de/nn/p7.htm




Ultimatum der Regierung in Kabul ist ausgelaufen: friedlicher Verzicht auf
Schlafmohn oder der Anbau wird untergepflügt

Heimlich und hastig ernten die Bauern in Afghanistan ihr Opium

Durch Verseuchung mit Minen können nur kleine Felder bestellt werden ­ Rund
22 Millionen Euro für Drogenbekämpfungsprogramm
VON GABRIELE VENZKY

KABUL ­ Wenn es Nacht wird legen sich die Bauern von Essazai Kili nicht
schlafen, sondern schleichen in der Finsternis hinaus auf ihre Felder. Dort
wiegt sich leise im Winde alles, was sie besitzen: Schlafmohn. Die rosa und
roten Blüten sind meistens schon abgefallen und nun wird heimlich und hastig
der weiße Saft der Kapseln geerntet, der so viel wert ist wie Gold:
Rohopium.

Überall im Süden Afghanistans sind die Bauern jetzt dabei, schnellstens die
Opium-Ernte einzubringen. Denn die Regierung in Kabul hat ihnen ein
Ultimatum gestellt: entweder ihr verzichtet friedlich und lasst euch mit
einer Entschädigung abfinden, oder wir wenden Gewalt an und pflügen eure
Ernte unter.

Volksaufstand bahnt sich an

Inzwischen ist das Ultimatum ausgelaufen. Und nun bahnt sich ein
Volksaufstand an. Auf einer Pritsche liegt nach Atem ringend Abdul Hakim mit
einem Schuss in der Brust. Wer den Schuss abgegeben hat, ist nicht mehr
festzustellen. Die Polizei, die jetzt Ernst macht und die Felder der
protestierenden Bauern unterpflügt, oder jemand in der aufgebrachten Men
schenmenge. Schließlich hat jeder Mann in Afghanistan ein Gewehr.

Vielleicht waren es auch die Truppen des lokalen Kriegsherrn, der nun um das
lukrative Drogengeschäft bangt und mit allen Mitteln seine Schmuggelrouten
offen halten will. Um die Straßenverbindungen nach Westen in den Iran und
Norden nach Tadschikistan kam es bereits zu blutigen Kämpfen. Auf den
Verteidigungsminister Fahim wurde ein Bombenanschlag verübt, als er Kandahar
über das Drogenproblem beraten wollte, das Repatriierungsprogramm der
Vereinten Nationen geriet ins Stocken.

14 000 Flüchtlinge können nahe der pakistanischen Grenze nicht vor und
zurück, weil wütende Bauern die Straßen blockieren, 50 000 weitere stehen
vor dem Grenzposten. Die für diese Tage geplante Rückführung von Afghanen
aus dem Iran, wo sich immer noch über zwei Millionen aufhalten, konnte gar
nicht erst beginnen.

Doch die Regierung in Kabul kann den Kampf gegen die Drogen nicht gewinnen ­
bei allem guten Willen, den sie zeigen muss, um die Sympathien der Welt
nicht zu verlieren. Sie kann den Bauern keine Alternativen bieten in diesem
Land, in dem ein gro ßer Teil der Bevölkerung ohnehin nur mit Hilfe der
Rationen des Welternährungsprogramms überlebt.

Schlafmohn ist fast das einzige, was in Afghanistan noch angebaut wird. Das
hat einen ganz praktischen Grund: das gesamte Land ist nach wie vor so mit
Minen verseucht, dass nur ganz kleine Feldflächen sicher bestellt werden
können. Wenn die Bauern ihre Familie über den nächsten Winter bringen
wollen, können sie es sich nicht leisten, Bohnen oder Getreide anzubauen.
Außerdem haben sie bei den Geldverleihern im letzten Jahr Kredite
aufgenommen und die diesjährige Mohnernte als Sicherheit geboten.

Ein Kilo Rohopium bringt in Afghanistan zwischen 500 und 700 Euro. Die
Regierung in Kabul bietet den Bauern aber nur ein Zehntel dieses Preises als
Entschädigung. Denn obwohl Milliarden für den Wiederaufbau des Landes zur
Verfügung gestellt werden sollen, sind im Topf für das
Drogenbekämpfungsprogramm nur magere 22 Millionen Euro, gestiftet von der
EU.

Dass der Wiederaufbau aber kaum beginnen kann, solange der Drogenhandel
floriert, hat wohl niemand bedacht. Denn die Voraussetzung für Wiederaufbau
sind Sicherheit und Normalität. Doch das unterbindet der andauernde Kampf um
die Drogenmillionen unter Schmugglern, Kriegsherren und politischen
Fraktionen.

Heroin für Europa

Ein Kilo zu Heroin raffiniertes Opium bringt an der afghanischen Grenze
bereits über 1000 Euro. Auf dem Markt in Europa, wohin 90 Prozent des
afghanischen Heroins geschmuggelt werden, ist es zehn Mal so viel wert.

Afghanistan liefert Dreiviertel des auf der Erde angebauten Opiums. Dass
dies etwas mit der Finanzierung von Terror und Krieg zu tun hat, lässt sich
schon an den Zahlen ablesen. 1970 wurden 10 Tonnen produziert. 1989, beim
Abzug der Sowjetunion, waren es schon 1200 Tonnen, 2750 Tonnen im Jahr 1998,
1999 verdoppelte sich die Produktion auf knapp 5000 Tonnen. In diesem Jahr,
so fürchten die Experten, wird eine Schwemme wie nie zuvor Europa erreichen:
mehr als 5000 Tonnen Opium oder 500 Tonnen Heroin.

?Wie sollen wir gegen den Terrorismus kämpfen, wenn wir den Kampf gegen die
Drogen bereits verloren haben³, klagte kürzlich Usbekistans Außenminister.
Aber das gilt nicht nur für sein Land, sondern für den Rest der Welt.