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Caspers-Merk über Cannabis und Schweizer Drogenpolitik (2002-04-16)
http://www.caspers-merk.de/interview01.htm

"Ich sehe das kritisch"

Caspers-Merk über Cannabis und Schweizer Drogenpolitik

Jeder vierte Jugendliche hat heute Erfahrung im Umgang mit
Cannabisprodukten, 1993 waren es 16 Prozent. Während Drogenexperten,
Haschfreunde und Politiker über die Gefährlichkeit der Joints streiten,
bereitet die Schweiz ein neues Betäubungsmittelgesetz vor, das den
Konsum von Cannabis weitgehend legalisiert sowie Anbau und Handel unter
bestimmten Voraussetzungen der strafrechtlichen Verfolgung entzieht.
Alexander Huber sprach mit Marion Caspers-Merk, der Drogenbeauftragten
der Bundesregierung, zugleich Lörracher SPD-Bundestagsabgeordnete, über
die umstrittene Droge und die Pläne der Eidgenossen.

Frau Caspers-Merk, wie gefährlich ist Kiffen denn nun wirklich?

Ich glaube, dass man bei dem Thema Cannabis-Rauchen in den 80er Jahren
dramatisiert hat und heute wird bagatellisiert. Man kann Jugendliche nur
überzeugen, wenn man eine faire Risikodebatte führt. Deshalb muss man
sagen: Es ist keineswegs harmlos, aber es ist auch keine Einstiegsdroge.
Das Entscheidende ist das Konsummuster und wie alt die Konsumenten sind.
Wir wissen mittlerweile, das Cannabis-Konsum zu psychischer Abhängigkeit
führen kann. Wir haben in Deutschland 11 000 junge Menschen, die in
stationärer oder ambulanter Behandlung wegen Problemen mit Cannabis
sind.

Können Sie den Begriff Konsummuster genauer erklären?

Man muss unterscheiden zwischen Probierkonsum, Gelegenheitskonsum und
regelmäßigem Konsum. Immer dann, wenn das Es stärker wird als das Ich,
wenn es Teil des Alltag wird, spricht man von einer Abhängigkeit. Für
mich als Drogenbeauftragte ist der jugendliche Neugierkonsument nicht
das Problem. Doch ich muss auch die Problemfälle sehen und darüber
reden. Alles andere wäre fahrlässig.

Gibt es Zahlen, wie viele Jugendliche als Problemkonsumenten anzusehen
sind?

Es gibt keine verlässlichen Zahlen. Wir haben nur diese 11 000, die sich
in den Beratungsstellen gemeldet haben. Und diese Zahl hat sich in den
letzten vier Jahren verdoppelt.

Die Schweizer möchten den Konsum von Cannabis straffrei stellen und
unter bestimmten Umständen auch den Anbau und den Handel. Wie beurteilen
Sie dieses Vorhaben?

Ich sehe das kritisch. Weil ich glaube, dass es ein Problem gibt, wenn
ich die Verfügbarkeit eines Suchtstoffes erhöhe.
Wenn ich leichter rankommen, dann gibt es auch mehr, die es ausprobieren
und auch solche, die daran hängen bleiben. Die Schweiz hat schon jetzt
deutlich höhere Prävalenzen (Fallzahlen) beim Cannabis-Konsum bei
Jugendlichen und ist de facto jetzt schon Exportland.

Sie teilen also nicht die Sicht der Eidgenossen?

In der Schweiz gibt es Unterschiede in der Einschätzung der Frage: Was
ist erlaubt und was ist verboten? Wir sind uns aber einig in der Frage:
Was ist erwünscht und was nicht? Auch in der Schweiz ist man über die
explosionsartige Zunahme von Hanfläden besorgt, und man will den
Jugendschutz stärken. Außerdem ist das Gesetz ja noch nicht entschieden
- und wenn, dann kommt es frühestens 2003/2004.
Mein Problem ist aber: Was passiert in der Zeit bis dahin? Jeder tut so,
als gäbe es schon eine neue Gesetzgebung, und ich habe den Eindruck,
dass die kantonalen Behörden im Moment weggucken. Da hat die
trinationale Konferenz am vergangenen Montag eine deutliche Botschaft
gesendet, nämlich dass wir einen solchen rechtsfreien Raum nicht
wünschen. Und der Kanton Basel will nun reagieren und stärker
kontrollieren.

Nach dem, was sie ausgeführt haben, ist eine ähnliche Gesetzgebung wie
in der Schweiz für Sie in Deutschland nicht vorstellbar?

Nein, das wäre für uns auch gar nicht machbar. Es gibt kein europäisches
Land, das so weit geht wie die Schweiz ...

... auch nicht die Niederlande?

Auch die Niederlande nicht. Wenn Sie in die EU gucken, dann haben wir
Schweden mit einer Null-Toleranz-Politik und dann gibt es die
Niederlande auf der anderen Seite mit dem Coffee-Shop-Prinzip. Aber auch
dort ist der Konsum geregelt: Kleine Mengen bis fünf Gramm dürfen in den
Coffee-Shops an über 18-Jährige abgegeben werden.
Aber der Handel ist illegal, und der Verkauf außerhalb dieser Shops auch
und auch die Abgabe größerer Mengen.
Übrigens ist ja auch bei uns der Konsum geringer Mengen faktisch
straffrei.

Geht eine eher restriktive Drogenpolitik nicht an den gesellschaftlichen
Realitäten vorbei?

Wenn keiner mehr Fahrscheine kauft, wird Schwarzfahren dann straffrei?
Ich glaube nicht, dass man auf so eine Idee käme. Wenn man also sagt: Es
übertritt eine große Gruppe das Gesetz, also müssen wir das Gesetz
abschaffen - das ist eine falsche Fragestellung.

Kritiker werfen Drogenpolitikern oft Heuchelei vor. Schließlich sind
Rauchen und übermäßiger Alkoholkonsum nicht weniger schädlich als
Kiffen.

Die Kritik ist nicht unberechtigt. Ich will hier regulierend eingreifen
und nicht nur ich, sondern die gesamte EU. Wir diskutieren
Einschränkungen der Tabakwerbung; ich habe gerade mit den
Zigarettenherstellern vereinbart, dass Sie Geld in einen Präventionsfond
geben.
Man ist sich einig, dass das Einstiegsalter beim Rauchen zu niedrig ist.
Und man ist sich einig, dass wir nicht wollen, dass Jugendliche rauchen,
und dass wir die Raucherquote runterdrücken wollen. Und wenn ich da auf
die Bremse drücke, trete ich doch woanders nicht aufs Gas.

Interview aus:
Der Sonntag im Dreiland, 31. März 2002