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Der Mut der Verzweifelten (2002-04-13)

Bundesverdienstkreuz für ein ?großartiges Lebenswerk³

Der Mut der Verzweifelten

Nach dem Tod ihres Sohnes kämpfte Dorothea Klieber für Methadon in der Suchttherapie

Von Sabina Griffith

Markt Schwaben ­ Gefasst sitzt die grauhaarige Frau mit den wachen, freundlichen Augen auf dem Sofa ihres hübschen Hauses im alten Teil Markt Schwabens, im Osten von München, und erzählt, was es heißt, wenn das eigene Kind heroinabhängig ist. Eine Erfahrung, die Dorothea Klieber mit Sohn Maximilian in allen Stadien durchlebt und durchlitten hat: Eineinhalb Jahre Jugendstrafanstalt wegen Besitzes von einem halben Gramm Heroin, elf Langzeittherapien, mindestens dreißig ?kalte Entzüge³. Doch dies alles sind nur ?Streiflichter aus dem Leben eines Suchtkranken³, wie es in dem ?Bericht einer Mutter³ heißt, den Dorothea Klieber auf einer Expertentagung der Deutschen Aids-Hilfe in Berlin vortrug. Das war 1987.

Mehr als sieben Jahre verbrachte Maximilian in geschlossenen Anstalten. ?Man wusste ja nicht wohin mit ihm.³ Dass man ihn damit schon früh zum Kriminellen, ja zum Geistesgestörten abstempelte, hat Dorothea Klieber den Verantwortlichen nie verziehen. ?Ich weiß nicht, wie mein Sohn dies alles ertragen konnte³, sagt sie. ?Ich weiß nicht, wie ich es ertragen habe. Mein Mann ist über die Sorgen um seinen Sohn gestorben.³

Im vierzehnten Jahr von Maximilians Drogensucht traf Dorothea Klieber schließlich auf den Münchner Arzt Johannes Kapuste, der begonnen hatte, Heroinsüchtige mit der Ersatzdroge Methadon zu behandeln. ?Ich kann gar nicht beschreiben, was für eine Erlösung das war. Der ganze Druck, die ewige Jagd nach Stoff und das Bangen, wenn der Polizeiwagen wieder vor der Haustür hielt, gehörten der Vergangenheit an. Maximilian hatte wieder Hoffnungen, schmiedete Pläne. Er wollte endlich eine Ausbildung beginnen und was eben sonst noch zu einem normalen Leben gehört³, erinnert sich die Mutter. Gemeinsam mit anderen Eltern sammelte sie Dokumente, die den sozialen Erfolg einer Methadon- Behandlung belegen sollten und gründeten die ?Elternhilfe für Suchtkranke³.

Das Leben schien endlich in einigermaßen geregelten Bahnen zu verlaufen, als die nächste Katastrophe hereinbrach. Johannes Kapuste, der Arzt, wurde verhaftet, die Praxis geschlossen. Viele hundert Patienten fanden sich auf der Straße wieder, zurückgestoßen in Elend, Not und Verzweiflung. Auch Maximilian geriet erneut in die Spirale aus Drogen, verschmutzten Nadeln, Kriminalität und Gefängnis . Mit einem Elektrokabel versuchte er schließlich, seinem Leben ein Ende zu machen. Dorothea Klieber kam jedoch noch einmal rechtzeitig. Diesmal. Beim zweiten Versuch war Maximilian schneller. Am 2. Juni 1988 setzte er seinem Leben ein Ende.

Was andere in verzweifelte Starre gestürzt hätte, war für Dorothea Klieber Ansporn, den Kampf aufzunehmen. Jetzt erst recht, sagte sie sich. ?Ich bin während der Nazi-Zeit groß geworden. Da konnten wir nichts tun, waren ohnmächtig gefesselt. Jetzt, das spürte ich, musste ich handeln.³ Von Wissenschaftlern aus den USA ließ sich die 67-Jährige Aufsätze über Erfahrungen mit der Methadon-Substitution kommen, übersetzte sie, tippte sie ab, kopierte sie mehrere hundert Mal und verschickte sie an Ärzte, Juristen und an fortschrittliche Drogenberater. Freundlich aber bestimmt forderte sie den damaligen Bundesinnenminister Zimmermann und Bürgermeister außerhalb Bayerns auf, sich endlich des Themas anzunehmen. Mit Erfolg. Die Methadonsubstitution ist heute aus der Suchttherapie nicht mehr wegzudenken. Auch wenn die Zahl der substituierenden Ärzte abnimmt. Wofür nach Ansicht von Albrecht Ulmer von der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin die Politik mit ihren Gesetzen die Verantwortung trägt.

Heute, mit 82Jahren, hat sich Dorothea Klieber aus der aktiven Arbeit zurück gezogen. Doch noch immer sei sie eine ?wache Stütze³ und vor allem eine ?sensationell gute Zuhörerin³, so Ulmer. ?Wenn das großartige Lebenswerk dieser bewundernswerten Frau heute mit dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt wird, ist das eine Anerkennung all dessen, wofür sie gekämpft hat.³