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Opiumsucht in der Antike (2002-04-08)

<http://spiegel.ivwbox.de/cgi-bin/ivw/CP/spiegel;/wissenschaft/mensch/c-24/r-116/p-druckversion/a-190775?r=http%3A//www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0%2C1518%2C190775%2C00.html>; <http://www.spiegel.de/cgi-bin/vdz/CP/spiegel/wissenschaft/mensch/c-24/r-116/p-druckversion/a-190775>; SPIEGEL ONLINE - 08. April 2002, 10:42 URL: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,190775,00.html

Archäologie

Opiumsucht in der Antike

Ägypter im Drogenrausch, Mohnanbau am Bodensee - Archäologen haben verblüffende Erkenntnisse über den antiken Opiumhandel gewonnen.

Dass Kaiser Nero (54 bis 68 nach Christus) Rom anzündete, brachte ihm viel Tadel ein. Auch die eigene Mutter zu morden schickt sich nicht. Was weniger bekannt ist: Der Tyrann war ein Junkie. Täglich trank er gierig Theriak - ein mit Vipernblut vermischtes Opiumgetränk.

Später trieb es Marc Aurel (161 bis 180 nach Christus) noch toller. "Ohne Wasserzusatz", berichtet sein Leibarzt Galen, habe der Regent das Gift genossen, täglich in der Menge einer "ägyptischen Bohne". Das machte ihn süchtig.

Knapp 800 Opium-Apotheken zählte die Stadt schon im Jahr 312 vor Christus. Reiche Müßiggänger und Konsuln, aber auch Schmerzgeplagte und vom Krebs Zerfressene kauften dort "süße Pillen" oder "Saft vom Kraut des Vergessens" (Ovid). Kaiser Titus starb wahrscheinlich an einer Überdosis.

[Mohnfeld in Afghanistan: ''Saft vom Kraut des Vergessens''] AP [Großbildansicht] Mohnfeld in Afghanistan: "Saft vom Kraut des Vergessens" Doch wer steckte dem Imperium das Rezept? Die Samen des Schlafmohns (Papaver somniferum) taugen allenfalls, um Brötchen zu würzen. Nur wer die unreife Pflanzenkapsel anritzt und den hervorquellenden Milchsaft (griechisch: opion) erntet, erhält einen Stoff mit psychogener Wirkung.

Glücksgefühle löst die Paste aus. Das Lid wird schwer, der Blick blöd; Schmerz und Sorgen weichen. Bei hoher Dosis döst der Berauschte. Morphium ist in der Kapsel enthalten. Auch das Heroin, 1897 entdeckt, wird aus der Schlafmohnfrucht gewonnen.

Seit Jahrzehnten schwelt in der Archäologen-Zunft ein Streit um das geheimnisvolle Gewächs. Wer kultivierte als Erster die Pflanze? Welches Volk begann mit der Drogenproduktion? Nicht einmal die Urheimat der rosaroten Blume war bekannt.

Nun endlich liegen gesicherte Resultate vor. Dem Würzburger Virologen Klaus Koschel ist ein sensationeller Coup gelungen. Erstmals hat er 3500 Jahre altes Rauschgift isoliert.

Das Material stammt aus einer 13 Zentimeter hohen Kanne, die in der Antiken-Sammlung der Stadt Würzburg in einer Vitrine steht. Das Gefäß hat einen langen trompetenartigen Hals und wurde um 1500 vor Christus auf Zypern getöpfert.

Der Spatenzunft ist dieser Keramiktyp gut bekannt. Bauchige Bilbil-Krüge sind über die halbe antike Hemisphäre verstreut. Vor allem aber tauchen die Flakons massenhaft zur Zeit Echnatons (um 1350 vor Christus) in Ägypten auf. Offensichtlich befand sich in den Gefäßen ein Exportschlager aus Zypern. Nur welcher?

Koschel weiß jetzt mehr. Neugierig blickte er in die Vase und entdeckte am Boden klebrigen Belag. Die Firma Hoechst legte den gelblichen Klumpen unter einen Massenspektrografen. Ergebnis: Die Probe enthält Alkaloide und deren Oxidationsprodukte. In dem Gefäß wurde pures Opium transportiert.

Mit diesem "ersten objektiven Beweis für antikes Rauschgift" (Koschel) gewinnt die von Gerüchten überlagerte Debatte endlich festen Boden. Zypern, als Drehscheibe im antiken Opiumhandel, verkaufte in speziellen Exportkannen im großen Stil narkotisierenden Schlafmohn ins Pyramidenland.

Was die Ägypter mit der Tinktur, die sie vermutlich "mehes" nannten, anstellten, ist noch unklar. Opium ist eine wirksame Medizin gegen Fieber, Schmerz, Durchfall und Husten. Die Leute vom Nil nutzten die Droge wohl auch als Schlummertrank für schreiende Babys. Im Papyrus Ebers, dem ältesten Rezeptbuch der Welt, heißt es:

Kapseln von "mehes" / Wespenkot, der an der Mauer ist / in eins machen, durchseihen und vier Tage einnehmen / es hört gleich auf / das Kind, das schreit.

Aber benebelten sich die Pharaonen auch? Hinweise auf Orgien, bei denen Rauschgift im Spiel war, finden sich erst bei den Griechen. Thanatos, der Totengott, trägt eine gesenkte Fackel in der Hand - und eine Mohnkapsel. Auf Kreta wurde eine Frauenstatue entdeckt, die entrückt und wie in Trance emporblickt. Aus ihrem Kopfschmuck ragen drei Mohnkapseln.

Pioniere beim Anbau des Narkotikums waren die Griechen aber nicht. Die Biologen haben keinen Zweifel mehr, dass die Urform aller 700 modernen Mohnsorten in Spanien und Italien wuchs.

Steinzeitbauern müssen dann Saatgut über die Alpen geschleppt haben. Der älteste bislang entdeckte Mohnkrümel ist rund 7000 Jahre alt und lag bei Köln.

Auch die Abfallschicht, die die Pfahlbauer am Bodensee hinterließen, erinnert an eine Brötchenbox. Zwischen Küchendreck und Feuerresten fanden sich Abertausende von Mohnsamen. Ständig werden neue gefunden. Die Stuttgarter Expertin Ursula Maier geht davon aus, dass die Siedler die Pflanze "in großen Gärten" an den Seeufern zogen.

An bedröhnte Urgermanen, die im Morphinrausch im Morast saßen, mag die Expertin indes nicht glauben. "Bei kalter Witterung erzeugt Schlafmohn kaum Opiate", erklärt sie.

Die Wunderblume wirkt dann nur wie Jever Fun: Sie knallt nicht.

MATTHIAS SCHULZ

© SPIEGEL ONLINE 2002