Neuigkeiten



Neuigkeiten

Unsere Neuigkeiten sind auch in Form eines RSS 2.0 Feeds verfügbar.

Weitere drogenpolitische Neuigkeiten können Sie beim Planet Drogen Projekt finden.

Geheimdienst-Politik unter Drogeneinfluss (telepolis, 2004-02-15)
Jörg Auf dem Hövel 15.02.2004

Alfred McCoy beschreibt, wie sich CIA und prohibitive Drogenpolitik
ergänzen

Alfred McCoy, Professor für Geschichte an der Universität
Wisconsin [1], stellt in seinem Buch "Die CIA und das Heroin" die
unheilvolle Rolle der CIA [2] bei der Verbreitung von Heroin [3] und
Kokain [4] auf dem Globus dar. Aus der historischen Aufarbeitung ist
eine scharfe Abrechnung mit der prohibitiven Drogenpolitik geworden.

Seit nunmehr 30 Jahren erforscht McCoy die Bemühungen der CIA, in den
strategisch wichtigen Regionen der Welt mithilfe unterschiedlicher
Machthaber den Einfluss der USA aufrecht zu erhalten. 1971 reiste er
erstmals nach Südostasien, um den Bündnissen zwischen Drogenbaronen und
Geheimdiensten auf die Spur zu kommen. Heraus kam "The Politics of
Heroin in Southeast Asia", ein Buch, in dem er den Heroinhandel "eher
enthüllte als erklärte", wie McCoy heute sagt. In seinem neuen Buch
geht er den Schritt weiter und stellt auf über 800 Seiten ausführlich
die Gründe für die historischen und aktuellen Verstrickungen des
Geheimdienstes CIA in den internationalen Heroin- und Kokainhandel dar.

Sein Credo: Das Vorgehen der CIA war in Burma, Laos, Afghanistan gleich
und ist heute in Südamerika ähnlich: Die lokalen Stammesgesellschaften
oder Clans wurden von der CIA im Kampf gegen den Kommunismus
mobilisiert. Um Kräfte für geheime Operationen und Kriege freimachen zu
können, mussten die Menschen Arbeitskräfte aus der Landwirtschaft
abziehen. Um die fehlenden Lebensmittel nun kaufen zu können, setzten
sie auf den weniger arbeitsintensiven, aber lukrativen Mohnanbau. Aus
Sicht der CIA ersparten die guten Erlöse aus dem Mohnanbau ihnen die
Kosten, die geheimen Verbündeten versorgen zu müssen. Soweit, so gut,
nur waren die längerfristigen Auswirkungen dieser Politik fatal.

Denn egal ob in Burma, Laos oder Afghanistan: Aus Warlords wurden
mithilfe der CIA unabhängige Drogenproduzenten, die ihr Gewerbe nach
dem Ende des Geheimkriegs nicht aufgaben. In den 50er Jahren, als die
CIA die irregulär in Burma einmarschierten nationalchinesischen Truppen
unterstützte und so maßgeblich zur Entstehung des "Goldenen Dreiecks"
beitrug, in den 60er Jahren, als im Dschungel von Laos mit Wissen der
CIA die ersten Labore für Heroin entstanden; die genau das hochwertige
Heroin herstellten, welches zunächst von den GIs in Südvietnam
konsumiert wurde und später den US-Markt fluten sollte, und in den 80er
Jahren, als die afghanischen Freischärler die von der CIA erhaltenen
Privilegien für den Aufbau eines riesigen Mohnanbaugebiets im
Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan nutzen: Die kurzsichtige
Politik des amerikanischen Geheimdienstes vor Ort führte nicht nur zu
einer global stetig wachsenden Heroinproduktion, sondern hinterlässt
destabilisierte Regionen.

"So klein und entlegen sie sind, erweisen sich diese
Hochlandgesellschaften in der Folge der CIA-Geheimkriege doch als Horte
gravierender internationaler Instabilität - als schwarze Löcher der
neuen Weltordnung."
Alfred W. McCoy

In jedem Drogenkrieg der USA - ob in der Türkei in den 70er Jahren oder
in den Anden in den 90er Jahren - hat die Verbotspolitik nach Meinung
von McCoy zu unbeabsichtigten Resultaten geführt, weil die lokale
Bekämpfung globale Auswirkungen zeigte. Der Logik McCoys ist gut zu
folgen: Wie bei den Märkten mit legalen landwirtschaftlichen
Erzeugnissen führt eine Verknappung des Angebots ohne gesunkene
Nachfrage a) zu höheren Preisen und b) zu einer Verlagerung der
Produktion in andere Weltteile. So stieg der weltweite Opiumpreis,
nachdem die USA die Türkei 1972-73 zur Bekämpfung des Mohnanbaus im
Land gedrängt hatten, deutlich an; und um die weiterhin konstante
Nachfrage zu befriedigen, bauten nun einige asiatische Länder vermehrt
den nötigen Mohn an.

Illegale Drogen: ein Markt mit einem Umsatz von 800 Milliarden Dollar

Aber nicht für Asien, auch für Südamerika zeigt McCoy aktuelle Beweise
auf. Der "Plan Columbia" beispielsweise, der vom US-amerikanischen
Kongress im letzten Amtsjahr von Bill Clinton verabschiedet wurde,
bewilligte ein Antidrogen-Programm in Höhe von 1,3 Milliarden Dollar.
Mit diesen Mitteln wurden Militärs vor Ort ausgebildet, Hubschrauber
frei gestellt und vor allem die Kokafelder in Kolumbien entlaubt. In
kurzer Zeit zerstörte das Militär Ende 2000 30.000 Hektar Kokaplantagen
in der Provinz Putumayo, nach Ansicht McCoys "mit dem vorhersagbaren
Effekt, dass sich der Anbau in die benachbarte Narino-Provinz
verlagerte". Ein Spiel, das sich noch mehrmals wiederholen sollte. Nach
zwei Jahren "Kolumbienplan" gab das Außenministerium zu, dass sich die
Plantagenflächen zwischen 1999 und 2001 trotz aller Bemühungen von
122.000 Hektar auf 170.000 Hektar vergrößert hatten.

Ein Krieg zielt immer auch auf das personifizierte Böse beim Gegner. In
Panama stellte dieses Böse General Manuel Noriega dar, in Kolumbien
Pablo Escobar, in Burma ein Mann mit Namen Khun Sa. Der Sturz dieser
Drogenbarone führte aber nie zu dem gewünschten Effekt der
Verringerung, sondern immer nur zur Verlagerung des Angebots.
Vorsichtigen Schätzungen zufolge ist der weltweite Markt für illegale
Drogen aller Art heute ein voll etablierter Wirtschaftszweig, der nach
UN-Angaben [5] rund 800 Milliarden Dollar jährlich umsetzt. Dies sind
rund acht Prozent des Welthandels - mehr als mit dem weltweiten Verkauf
von Automobilen umgesetzt wird.

Die Schuld der CIA, so McCoy, bestehe nicht in der aktiven
Mittäterschaft bei Drogengeschäften, dies käme äußerst selten vor,
sondern in der stillen Duldung des Handels und der Komplizenschaft mit
ihren geheimdienstlichen Handlangern - der ungewollten Aufzucht der
"Drogenbarone".

Die Drogenprohibition ist aus Sicht von McCoy aus zweierlei Gründen
nicht durchsetzbar. Zum einen scheitert sie an der wirtschaftlichen
Dynamik einer begehrten Ware. Weil die Zwangsmaßnahmen nicht global
durchsetzbar wären, seien die Konsequenzen kontraproduktiv.

"Nach 30 Jahren gescheiterter Ausrottungsversuche zeigt eine Fülle von
Belegen, dass der illegale Drogenmarkt ein komplexes globales System
ist, das gleichermaßen empfindlich und widerstandsfähig reagiert und
Repression rasch in einen Stimulus verwandelt."
Alfred W. McCoy

Im Rückblick auf dieses über 100 Jahre währende Experiment müsse man
einräumen, so McCoy, dass die Prohibition aber nicht nur im Hinblick
auf die internationale, sondern auch die individuelle Kontrolle
gescheitert ist. Mehr noch, der Preis des Scheiterns ist hoch: In den
Anbauländern militärische Konflikte und erzwungene Migration, in den
Konsumländern Masseninhaftierungen, steigende HIV-Infektionen und
soziale Polarisierung.

Das immer offensichtlichere Scheitern eines Krieges gegen Drogen hält
den Direktor des Office of National Drug Control Policy [6], John
Walters, nicht davon ab, an der orthodoxen Prohibitionspolitik
festzuhalten. Sein Bekenntnis zur Amtseinführung: "Nur wenn wir zurück
schlagen, wird das Drogenproblem kleiner."

Alfred W. McCoy: Die CIA und das Heroin. Weltpolitik durch
Drogenhandel. Deutsche Erstausgabe. 24 Bilder, 840 Seiten. 2001 [7].
19,90 EUR.

Links

[1] http://www.wisc.edu
[2] http://www.cia.gov
[3] http://www.m-ww.de/pharmakologie/drogen/heroin.html
[4] http://www.m-ww.de/pharmakologie/drogen/kokain.html
[5] http://www.unodc.org
[6] http://www.whitehousedrugpolicy.gov
[7] http://www.zweitausendeins.de

Telepolis Artikel-URL:
http://www.telepolis.de/deutsch/inhalt/buch/16687/1.html

--------------------
Copyright © 1996-2004. All Rights Reserved. Alle Rechte vorbehalten
Heise Zeitschriften Verlag, Hannover