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Weitere Ecstasy-Studie wird zurückgezogen (HG, 2003-09-25)


Weitere Ecstasy-Studie wird zurückgezogen
http://www.cannabislegal.de/cln/cln126.htm#6

Vor einem Jahr veröffentlichte die Zeitschrift "Science" eine Studie von Dr. Ricaurte zu Ecstasy (MDMA). Diese mußte vor kurzem zurückgezogen werden, nachdem sich nachträglich herausgestellt hatte, dass den Versuchstieren gar nicht MDMA sondern Methamphetamin verabreicht worden war (wir berichteten in CLN#125 ). Zwei Flaschen mit je 10 Gramm der jeweiligen Droge waren vertauscht worden.

Methamphetamin ist weit wirksamer als MDMA. Wird Methamphetamin in einer Dosierung verabreicht, wie sie bei MDMA üblich ist, dann entspricht dass einer dreissigfachen Überdosis. So ist es kaum verwunderlich, dass vierzig Prozent der Versuchstiere starben oder so schwere Ausfallerscheinungen zeigten, dass der Versuch abgebrochen werden musste.

Für die zurückgezogene Studie waren insgesamt 1,5g Methamphetamin verwendet worden. Was geschah mit den anderen 8,5g in der als MDMA beschrifteten Flasche? Laut Dr. Ricaurte war der Behälter bereits leer als der Irrtum bei einer Nachfolgestudie ans Licht kam und daher weggeworfen worden. Nun scheint es, dass ihr Inhalt für andere Studien verbraucht worden war, die deshalb genauso wertlos sind wie die in "Science" veröffentlichte Studie. Eine im "European Journal of Pharmacology" erschienene Arbeit scheint betroffen: Ricaurte wandte sich kürzlich per Email an die Zeitschrift. Seine Gruppe veröffentlichte im selben Jahre noch weitere Studien zu MDMA, das das Hauptarbeitsgebiet der Gruppe ist.

Zwei britische Wissenschaftler, die bereits voriges Jahr "Science" kritisierten, weil die Zeitschrift die mittlerweile zurückgezogene Studie trotz schon damals offensichtlicher schwerer methodischer Fehler veröffentlicht hatte, forderten nun die Herausgeber auf, die Kommentare von Experten zu abzudrucken, die zwischen Mai und August 2002 die Ricaurte-Studie vor ihrer Veröffentlichung begutachtet hatten. Die bis zur Bekanntgabe der Vertauschung unerklärlich hohe Sterblichkeit war nur ein Problem an der Studie. Die Kritiker wiesen sie auch darauf hin, dass die Drogen injiziert worden waren, was zu einer stärkeren Wirkung führt als der beim Menschen übliche orale Konsum. Trotzdem hatte die Ricaurte-Studie darauf verzichtet, den MDMA-Pegel im Blutplasma nachzumessen. Hätte sie das getan, wäre nicht nur der erhöhte Pegel sondern auch die Verwechslung der Chemikalien sofort aufgefallen.

Ricaurte schien sich des Einflusses der Konsummethode bewußt zu sein. Bei der Nachfolgestudie, bei der der Irrtum schließlich ans Licht kam, verwendete er oralen Konsum. Er konnte keine der in der ersten, injizierenden Studie beobachteten Symptome mehr feststellen. Sogar als er schon wusste, dass seine orale Nachfolgestudie zu anderen Ergebnissen geführt hatte, verteidigte er sich noch am 6. Juni in einem Brief an "Science" gegen Kritik, er selbst habe in einer früheren Publikation festgestellt, dass oraler Konsum nur halb so toxisch wirke wie eine Injektion.

"It's an outrageous scandal," Iversen told The Scientist. "It's another example of a certain breed of scientist who appear to do research on illegal drugs mainly to show what the governments want them to show. They extract large amounts of grant money from the government to do this sort of biased work. I hope the present retraction and embarrassment to the people involved will be some sort of lesson to them."

The paper was published and widely publicized shortly before "anti-rave" legislation promoted by Senator Joe Biden came up for consideration in Congress, and it may well have influenced congressmen to support the legislation, passed earlier this year as the Illicit Drug Anti-Proliferation Act of 2003. This act is considered to make club and other "rave" venue owners responsible and liable for illicit drug taking on their premises, even if it is without their knowledge, and has met much public opposition.

(...)
"This paper was submitted at the end of May and accepted in August. But it was obvious at a glance that there was something fishy about this paper," Blakemore told The Scientist. "We should see the reports of the referees, without disclosure of their identity, of course."

"Science is a very high quality journal, with very rigorous reviewing procedures, so I don't know how this paper got through the system," Iversen told The Scientist, "but I suppose the result was so dramatic in the few animals that survived that it was felt to be of high general interest. I agree with Colin Blakemore. They should publish the referees' reports. AAAS [American Association for the Advancement of Science, der Herausgeber der Zeitschrift] should be embarrassed about this too."

Unklar ist weiterhin, wer für die Vertauschung der bereits im Jahr 2000 gelieferten Drogen verantwortlich ist. MDMA steht auf Liste I ("Schedule I") des US-Bundesdrogengesetzes. Bei seiner lizenzierten Herstellung und beim Umgang damit zu wissenschaftlichen Zwecken gelten strengste Vorschriften, um jede Abzweigung für andere Zwecke auszuschliessen. Die Bundesdrogenpolizei DEA vergibt Lizenzen nur an Firmen, die höchste Ansprüche an die Zuverlässigkeit erfüllen. Es erscheint kaum wahrscheinlich, daß die zwei Flaschen mit streng kontrollierten Chemikalien aus unterschiedlichen Fertigungsprozessen erst unmittelbar vor dem Versand beschriftet wurden. Falls bei Research Triangle International (RTI) im Bundesstaat North Carolina, dem Lieferanten der Chemikalien, wirklich derartig nachlässig mit Substanzen der Liste I umgegangen würde, stünde die DEA-Lizenz der Firma zur Herstellung von Drogen auf dem Spiel.

Second Ecstasy paper to be retracted [The Scientist, 17.09.2003]
http://www.biomedcentral.com/news/20030917/02

Retracted Ecstasy Paper 'An Outrageous Scandal' [The Scientist, 16.09.2003]
http://www.mapinc.org/drugnews/v03/n1402/a08.html

Ecstasy-Studie studierte kein Ecstasy [CLN#125, 12.09.2003]
http://www.cannabislegal.de/cln/cln125.htm#3