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Ecstasy-Studie studierte kein Ecstasy (cannabislegal, 2003-09-08)

Quelle: http://www.cannabislegal.de/neu/2003-09.htm#2003-09-08-xtc

Meldungen wie diese fand man vor einem Jahr in vielen Zeitungen und Zeitschriften:

Ecstasy: Schlimmer Verdacht

Kein ungetrübtes Glück mit Ecstasy.

Eine Nacht im Ecstasy-Rausch kann ausreichen, um schwere bleibende Schäden im Gehirn zu erleiden. US-Forscher stiessen bei Versuchen mit Menschenaffen auf Symptome der Parkinsonschen Krankheit, wie Zittern und eingeschränkte Mimik.

Wer in einer Nacht, wie bei den Konsumenten üblich, drei oder mehr Dosen der Droge nehme, müsse als junger Erwachsener oder auch Jahre später mit Parkinsonismus rechnen, warnen die Forscher im US-Fachjournal «Science» vom Freitag.
(Tagesanzeiger (CH), 27.09.2002)
Mit hochrotem Kopf mussten Wissenschaftler um Dr. Ricaurte nun diese Studie zurückziehen: Es war alles ein Irrtum. Jemand hatte zwei Flaschen vertauscht, so dass man an Stelle des Ecstasy-Wirkstoffs MDMA den Versuchstieren Methamphetamin ("Speed") injiziert hatte. Nachdem es bei Nachfolgestudien nicht gelang, die ursprünglichen Ergebnisse zu reproduzieren, untersuchte man u.a. das Gehirn eines der getöteten Affen und fand dort keinerlei Spuren von MDMA, sondern nur von Methamphetamin. Nachforschungen ergaben, dass zwei Chemikalienflaschen vertauscht worden seien. Wie es zur Verwechslung kam ist bisher ungeklärt.

Schon als vor einem Jahr die Medien erstmals über die Ricaurte-Studie berichteten, verwiesen Kritiker auf Fakten, die bei Wissenschaftlern eigentlich alle Alarmglocken hätten läuten lassen müssen. So starben zwei der zehn Versuchstiere unmittelbar nach der Injektion der Droge und zwei weitere Tiere zeigten so schwere Nebenwirkungen, daß ihnen nicht alle vorgesehenen Injektionen verabreicht wurden. Wenn wirklich ein Fünftel aller Ecstasy-Konsumenten an einer "typischen" Dosis der Droge am ersten Abend sterben würde, würde niemand mehr diese Droge nehmen.

Bei Menschen sind schwere Komplikationen oder gar Todesfälle bei Ecstasy-Konsum zwar bekannt, aber relativ selten. Laut einem vom Schweizer Bundesgericht zitierten Gutachten kommt auf eine Million Konsumenten weniger als ein Todesfall. Skifahrer setzten sich einem höheren Risiko aus, tödlich zu verunglücken als Ecstasy-Konsumenten (BGE_125_IV_90, Seite 101). Selbst wenn in der Ricaurte-Studie nur eines von Hundert Versuchstieren gestorben wäre, hätte das schon Zweifel an der Übertragbarkeit der Ergebnisse auf menschlichen Konsum wecken müssen.

Kritisiert wurde damals ausserdem, dass die Droge nicht (wie Ecstasy-Tabletten) oral verabreicht, sondern injiziert wurde und dass die Dosis dabei sehr hoch angesetzt wurde. Ricaurte, der bereits 1995 eine vielbeachtete aber auch umstrittene Studie zu Ecstasy publizierte, wird von Kritikern vorgeworfen, mit seinen Studien nur seine bereits vorgegebene Meinung zu der Droge bestätigen zu wollen.

Schon vor einem Jahr, bevor die Verwechslung der Substanzen in der Ricaurte-Studie ans Licht kam, warnte ein Kommentar in der Ärztezeitung in Hinblick auf die offensichtlichen methodischen Fehler der in "Science" publizierten Studie:

Das Ergebnis ist also mitnichten auf Menschen übertragbar. Wer es dennoch tut, wirkt auf jugendliche Konsumenten nicht gerade glaubwürdig. Schließlich sprechen deren Erfahrungen gegen eine unmittelbare verheerende Wirkung der Droge.

Sicher, es gibt bei Ecstasy nichts zu beschönigen. Es sind auch schon Menschen gestorben, weil sie unter der Wirkung der Droge tanzten, bis sie an Hyperthermie starben. Und die Aussicht, daß vielleicht aus Millionen Party-Löwen ein Heer von Parkinsonkranken erwächst, muß beunruhigen. Über diese Gefahren sollten Jugendliche seriös aufgeklärt werden. Wer ihnen dagegen Märchen über Ecstasy erzählt, der wird niemanden vom Konsum der Droge abhalten.

Wieso schaffte es die vom National Institute on Drug Abuse (NIDA) der US-Regierung finanzierte Studie trotz offensichtlicher Fehler im Studienentwurf, in einem renommierten Wissenschaftsmagazin wie "Science" veröffentlicht und weithin zitiert zu werden? Wie unabhängig ist die Wissenschaft? Andere Studien brauchen Jahre, um veröffentlicht zu werden, auch wenn sie seriös sind und von renommierten Autoren stammen. Man denke nur an die zwei Jahre lang unter Verschluß gehaltene Cannabisstudie der Weltgesundheitsorganisation WHO oder die zwei von Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer (CSU) in Auftrag gegebenen Cannabisstudien, die wohl für immer in den Schubladen des Ministeriums verschwunden wären, wenn sie nicht von den beteiligten Wissenschaftlern selbst in Buchform veröffentlicht worden wären (siehe Kleiber/Soellner, Kleiber/Kovar). Kritiker mutmaßen, die vorschnelle Publikation der Ricaurte-Studie vor einem Jahr habe die Verabschiedung des sogenannten RAVE-Act in den USA unterstützen sollen. Dieses inzwischen in Kraft getretene Gesetz zielt auf Musikveranstaltungen, bei denen illegale Drogen, insbesondere Ecstasy, konsumiert werden (siehe CLN#108, 02.05.2003). Auch eine der Autorinnen der Studie verwies gegenüber der Washington Post auf diesen Zusammenhang:

Una McCann, one of the Hopkins scientists, said she regretted the role the false results may have played in a debate going on last year in Congress and within the Drug Enforcement Administration over how to deal with ecstasy abuse.
Die New York Times erklärt, dass Ricaurtes Studie von Dr. Leshner, dem ehemaligen NIDA-Chef, also Ricaurtes Geldgeber, verteidigt wurde. Leshner war damals gerade zum Geschäftsführer jener Organisation ernannt worden, die "Science" herausgibt und hatte vor einem Kongressausschuss zum Rave-Gesetz ausgesagt:
At the time Dr. Ricaurte's study was published, it was strongly defended against those critics by Dr. Alan I. Leshner, the former head of the drug abuse institute, who had just become the chief executive officer of the American Academy for the Advancement of Science, which publishes Science.

Dr. Leshner had testified before Congress that Ecstasy was dangerous, and Dr. Ricaurte's critics accused him of rushing his results into print because a bill known as the Anti-Rave Act was before Congress. The act would punish club owners who knew that drugs like Ecstasy were being used at their dance gatherings.

Dr. Ricaurte yesterday called that accusation "ludicrous."

His laboratory made "a simple human error," he said. "We're scientists, not politicians."

Wenn Politiker Drogenpolitik mit dem Strafrecht betreiben, wächst die Versuchung, die Wissenschaft politischen Zielen zu unterwerfen. NIDA finanziert etwa 80% aller Drogenstudien weltweit. Unter diesen Bedingungen kann ein Wissenschaftler, der Studien liefert, mit denen sich die bestehende oder gewünschte Gesetzeslage rechtfertigen lässt, langfristig eher auf weitere Forschungsgelder hoffen als jemand, der allein sachlichen, wissenschaftlichen Erwägungen folgt.

Scientists admit: we were wrong about 'E' [Observer (UK), 07.09.2003]
Scientists Retract Story on Ecstasy Brain Damage [Reuters, 05.09.2003]