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Der Joint auf dem Weg aus der Schattengesellschaft (2003-08-07)

Pubdate: 05/08/2003
Source: Frankfurter Rundschau
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RheinMain & Hessen

Der Joint auf dem Weg aus der Schattengesellschaft

Mit Selbstbezichtigungen wollen Hasch-Freunde die Legalisierung von
Cannabis vorantreiben / 100 000 Unterschriften nötig

Von Jutta Rippegather


MÜHLHEIM / LIMBURG / FRANKFURT. Grüne Revolution im schwarzen
Hessenland. Süße Rauchschwaden sollen durch die Apfelweinlokale ziehen.
Auf den Handkäs folgt der Joint. Und die Cafés verkaufen Haschkekse.
"Zeig Dich!" heißt die von Limburg aus gesteuerte bundesweite Aktion,
die das zum Ziel hat, was seit Jahren kontrovers diskutiert wird: die
Legalisierung von Cannabis. Die Bewegung nimmt einen neuen Anlauf:
Mindestens 100 000 Selbstbezichtigungen wollen die Freunde des Hanfs dem
Bundesstaatsanwalt übergeben.

Mehr als 12 000 Unterschriften von Menschen, die Cannabis bereits
gekostet haben, stapeln sich bereits im Safe der Frankfurter
Rechtsanwältin Gabriele Rittig. Die Masse an Selbstbezichtigungen, nicht
zu verwechseln mit Selbstanzeigen, soll die Justizbehörden überrollen.
Die Idee stammt von Werner Sack, ehemaliger Jugendrichter in Frankfurt
am Main und Befürworter der Legalisierung. Die Limburger haben sie
aufgenommen.

100 000 Unterschriften innerhalb von fünf Jahren. Da haben
Legalisierungskämpfer der Republik noch jede Menge zu tun. Zum Beispiel
die im März gegründete Hanf-Initiative (HaI) Rhein-Main. "Wir wollen
Toleranz und Aufklärung statt Repressalien und Desinformation", heißt es
auf deren grünem Flugblatt, an dessen Kopf ein grinsender Fisch einen
dicken Joint raucht.

300 dieser Flyer hat die HaI allein im März beim Hans-Söllner-Konzert in
der Frankfurter Batschkapp unter die Leute gebracht. Auch auf der Zeil,
beim legendären Herzberg-Hippie-Festival, beim Reggae-Konzert im
Waldstadion oder Darmstädter Heinerfest haben die Cannabisfreunde
Unterschriften für "Zeig-Dich" und "Ich habe gekifft, und das ist gut
so" gesammelt - eine Kampagne des Vereins "Grüne Hilfe Netzwerk"
gleichen Inhalts.

In Darmstadt kam es zu einer spontanen Demonstration: "40 000
Alkoholtote jährlich, Alkoholdealer auf dem Heinerfest, gebt lieber den
Hanf frei, daran ist noch niemand gestorben", riefen die Aktivisten.
Anlass hatten betrunkene Erwachsene gegeben, die mit kleinen Kindern an
der Hand über den Ludwigsplatz torkelten, sagt HaI-Sprecher Sokratis
Zacharopoulos aus Mühlheim am Main, PDS-Mitglied im Kreis Offenbach, von
Beruf Hausmann und Vollzeitaktivist. "Die Demo hat Spaß gemacht."
Der 30-Jährige, in seiner Jugend "Fachhändler für Haschisch und
Marihuana", fand die Kriminalisierung von Drogen "schon immer
ungerecht". Dies öffentlich zu bekennen, habe er sich jedoch nie
getraut. Dabei sprudeln die Argumente nur so aus ihm heraus: "Bei
Straßenhändlern wird man nur abgezockt, bekommt schlechte Qualität und
weiß nicht, ob das Zeug mit Pestiziden gestreckt wurde." Prohibition
fördere den Schwarzmarkt und treibe User ins soziale Abseits. Verbote
sind der falsche Weg, sagt der junge Mann mit dem kahl rasierten Kopf:
"Wenn jemand kifft, dann kifft er." Das habe auch die Gewerkschaft der
Polizei erkannt, die sich für die Legalisierung einsetzt.

Für den Mühlheimer ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch in
Deutschland eine liberale Drogenpolitik à la Niederlande einzieht. Seine
These: Mit der steigenden Zahl der Menschen, die schon an einem Joint
gezogen haben, nehmen die Vorurteile ab. Das sei auch eine Altersfrage:
"Je jünger die Leute sind, desto weniger sind sie von der
Anti-Drogen-Propaganda beeinflusst."
Eins ist dem 30-Jährigen und seinen Mitstreitern - einer bunten Mischung
von Schriftstellern, Sozialarbeitern oder Computerfachleuten im Alter
zwischen 16 und 55 Jahren - wichtig: Für Drogen werben wollen sie nicht.
Sie möchten nur, dass Konsumenten in Ruhe gelassen werden. Denn Cannabis
habe bekanntlich auch medizinische Wirkung.

Die Infostände waren nur der Anfang. Zum Jahresende soll im Offenen
Kanal Frankfurt/Offenbach der erste Beitrag von Hanf-TV auf Sendung
gehen. Für den Herbst sind Veranstaltungen geplant, unter anderem ein
Treffen mit einer MS-Selbsthilfegruppe. Doch die nächste Aktion ist am
23. August die Fahrt zur Hanfparade in Berlin. Dank einer Spende der
Grünen Jugend Hessen konnte HaI einen Shuttlebus zum bundesweiten
Treffen der Legalisierungsaktivisten chartern. Und auch in der
Musikszene der Region haben sie Mitstreiter gefunden. Nach den CDs
"Haschischalbum" und "Cannabis aktiva" erscheint demnächst der dritte
Titel des Offenbacher Rappers Enka. Titel: "Harz Kommission".

• www.hanfinitiative.de, www.zeig-dich.de, www.gekifft.de