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"Ein paarmal habe ich schon gekifft" (2003-07-29)

Pubdate: 29/07/2003
Source: taz
Contact: briefe@taz.de
Copyright ©: taz
Website: www.taz.de
Webpage: www.taz.de/pt/2003/07/29/a0192.nf/text

"Ein paarmal habe ich schon gekifft"

Zwei Fraktionschefs, ein Thema: Volker
Ratzmann, Grüne, und Martin Lindner, FDP,
fordern einen liberaleren Umgang mit
Cannabis. Der eine will Haschisch im
Apothekensortiment, der andere Coffeeshops
nach niederländischem Vorbild. Beide
wissen, wovon sie reden - sie haben selbst
gekifft
Interview ROBIN ALEXANDER

taz: Warum wollen Sie gerade hier in Berlin
einen Feldversuch zur kontrollierten Abgabe
von Cannabis durchführen?

Volker Ratzmann: Berlin hat nicht genügend
Ressourcen, um sie im justiziellen Bereich
länger unsinnig zu vergeuden. Die
Verfolgung von Cannabis-Usern ist eine
völlig unsinnige Vergeudung der teuren
Ressource Justiz.

Bei geringen Mengen werden die Verfahren
doch eingestellt.

Schon. Das heißt aber nicht, dass
Staatsanwaltschaften sich gar nicht mit
diesem Thema beschäftigen. Der
Polizeibeamte muss Anzeigen fertigen und
Akten anlegen. Der Staatsanwalt prüft, ob
es sich um einen Erst-, Zweit- oder
Dritttäter handelt, ob Vorstrafen vorliegen
und vieles mehr. Da geht viel Arbeit rein.
Pro Monat haben wir in den
Drogenabteilungen 1.400 Eingänge, von denen
70 Prozent eingestellt werden. Es wäre
besser, wir würden uns auf die Verfolgung
von Dealern konzentrieren statt Konsumenten
zu verfolgen.

Ist die finanzielle Begründung nicht
unangemessen? Gegner der Todesstrafe
argumentieren nicht, Strom für den
elektrischen Stuhl sei teuer.

Der Vergleich ist unangemessen. Natürlich
bin ich auch generell dafür, dass
Cannabisgebrauch nicht länger
kriminalisiert wird. Das ist eine Art der
Rauschmittelzuführung, die sich durch
nichts von der Einnahme von Alkohol
unterscheidet. Der Staat verhält sich
inkonsequent. Alkoholkonsum wird als eine
gewohnheitsmäßige Nutzung von Drogen
akzeptiert. Damit verdient der Staat sogar
Geld! Aber Cannabis, dessen gesundheitlich
schädliche Auswirkungen geringer sind, wird
kriminalisiert. Dabei ist beides schädlich,
wenn man zu viel davon einnimmt. Es hat
sich gezeigt, dass das Steuerungsinstrument
Strafrecht zur Reduktion des Drogenkonsums
nicht taugt.

Wie sähe der Versuch aus?

Die User könnten in der Apotheke Cannabis
kaufen. Damit würden wir die jetzt
existierenden Handelsstrukturen
zerschlagen. Cannabis anderswo zu kaufen,
würde weiter strafbar bleiben. Das Ganze
ist zulässig aus wissenschaftlichen
Gesichtspunkten heraus und im Rahmen des
Betäubungsmittelgesetzes durchführbar.
Berlin wäre der ideale Ort für diesen
Versuch, denn hier hätten wir das
notwendige Potenzial aufgeschlossener
Apotheker und eine Konsumentenstruktur, die
das Ganze tragen würde. Außerdem gibt es
hier ausgezeichnete Suchtmittelforscher,
die den Versuch begleiten könnten.

Tut der Senat etwas?

SPD und PDS haben in ihrer
Koalitionsvereinbarung vereinbart, die
Durchführung solcher Vorhaben zu prüfen.
Leider tun sie es bis heute nicht.

Haben weiche Drogen nicht schon heute eine
höhere Akzeptanz in Berlin als anderswo?

Der Gebrauch von Cannabis ist hier
sicherlich seit Jahren en vogue. Es ist
vielleicht auch nicht schlecht, wenn die
Leute, die sich über die Stadt Gedanken
machen, ab und zu mal einen Joint rauchen
und sich nicht immer nur Bier in den Kopf
schütten.

Auch Ihre Fraktionsmitglieder machen sich
Gedanken über die Stadt. Mit oder ohne
illegale Hilfsmittel?

Sie wissen doch: Wir Grünen halten viel von
Privatssphäre und Datenschutz. Ich weiß
wirklich nicht, wer bei uns kifft und wer
nicht kifft, es interessiert mich auch nicht.

Kifft denn der Vorsitzende?

Natürlich habe ich schon einmal gekifft. Da
ich nicht US-Präsident werden möchte, kann
ich sogar zugeben, inhaliert zu haben. Aber
heute genieße ich lieber ein Glas Rotwein
als einen Joint. Von daher kann ich auch
ehrlichen Herzens hinzufügen, dass ich im
nicht verjährten Zeitraum nicht mehr
gekifft habe. Alkohol und Cannabis
vernebeln die Sinne, und ich halte sehr
viel davon, einen klaren Kopf zu haben.

Sogar Ihr Kollege von der FDP, Martin
Lindner, fordert die Legalisierung. Auch
ein Zeichen für die gestiegene Akzeptanz?

Ja, das zeigt, wie normal es geworden ist,
Cannabis zu konsumieren. Ich kann nur
begrüßen, wenn Herr Lindner die
Legalisierung fordert. Ich glaube, für ihn
persönlich ist es auch gut, wenn er ab und
zu mal kifft, um ein bisschen runterzukommen.
Interview ROBIN ALEXANDER

taz: Herr Lindner, warum fordern Sie die
Legalisierung weicher Drogen?

Martin Lindner: Gerade als Vater von zwei
Kindern wäre es mir lieber, wenn eine Droge
wie Cannabis, die seit dreißig Jahren an
Schulen präsent ist, in einem Coffeeshop
gekauft werden kann und nicht bei einem
Drogendealer, der noch ganz andere Sachen
im Repertoire hat.

Wie alt sind Ihre Kinder?

Meine beiden Jungs sind fünf und sieben.
Aber da kann man nicht früh genug
aufpassen. Heutzutage gibt es Drogen schon
in Grundschulen.

Ihnen schwebt das niederländische Modell
vor: die legale Abgabe von
Cannabisprodukten in Coffeeshops.

Genau. Es ist wichtig, dass der Staat die
Spreu vom Weizen trennt. Cannabis sollte
anders behandelt werden als harte Drogen.
Es ist doch unerträglich, dass wir Gesetze
haben, die mit tausend Ausnahmeregelungen
versehen sind und in ihrer Konsequenz nicht
umgesetzt werden. Der Konsum weicher Drogen
wird doch schon heute nicht mehr wirklich
verfolgt. Bei Mengen bis zu sechs Gramm
werden die Verfahren regelmäßig
eingestellt. Da macht sich der Staat
lächerlich. Letztlich dient das Gesetz nur
noch dazu, dass sich die Dealer bereichern.

Ihr Vorschlag wäre?

Mein liberaler Ansatz ist: Der Staat
beschränkt sich auf einen Kernbestand von
wirklich nötigen Regeln, die dann auch
einzuhalten sind. Ein zweiter Punkt ist die
Gerechtigkeit. Cannabis ist nicht
gefährlicher als Alkohol, sondern
harmloser. Natürlich hat, wer sich über
lange Zeit täglich zukifft, irgendwann nur
noch Matsch in der Birne. Aber das gleiche
Resultat erreicht man mit ein, zwei
Flaschen Barolo täglich auch.

Sind diese Vorstellungen mehrheitsfähig in
der FDP?

Diese Auseinandersetzung müssen wir jetzt
führen. Deshalb möchte ich auch einen
entsprechenden Antrag auf der Bundesebene
unserer Partei stellen, damit sie sich für
eine Änderung des Betäubungsmittelgesetzes
stark macht. Ich bin sicher, dass sich in
der FDP letztlich eine Mehrheit für die
Legalisierung von Cannabisprodukten findet.

Wie viele Liberale haben denn eigene
Erfahrungen mit Cannabis?

Von den jungen Leute bis zu den 50- bis
60-Jährigen hat doch heute jeder einmal
Erfahrungen mit Cannabis gemacht. Schon als
ich 1974 ins Gymnasium kam, fiel es meinem
Vater schwer, für mich eine Schule zu
finden, auf der noch niemand mit
Haschzigaretten erwischt worden war. Und
das war vor 30 Jahren! Heute wären die
Direktoren froh, wenn Hasch die einzige
Droge an ihrer Schule wäre.

Haben Sie dann doch noch selbst
Drogenerfahrungen gemacht?

Ja, ich bin zwar nicht in der Lage, einen
Joint zu bauen, aber ein paarmal habe ich
schon gekifft.

In Kreisen von Besserverdienenden soll es
ja bisweilen auch zu Kokainkonsum kommen.

Mit Kokain habe ich überhaupt keine
Erfahrung und wünsche auch keine. Das ist
ein chemisches Produkt, wo man nie genau
weiß, was wirklich drin ist. Kokain ist
eine Droge, die Menschen zerstören kann.

Gibt es im Abgeordnetenhaus viel
Drogenkonsum? Vielleicht um den Stress des
politischen Betriebs besser bewältigen zu
können?

Das kann ich nicht beurteilen. Aber wegen
Stress sollte man Drogen sowieso nicht
nehmen. In entspannter Atmosphäre kann man
allerdings schon einmal einen guten Rotwein
oder ein Bier zu sich nehmen

oder einen Joint

oder einen Joint meinetwegen. Das ist mir
auch in der Erziehung meiner Söhne wichtig.
Ich möchte ihnen den richtigen Umgang mir
Rauschmitteln vermitteln: Immer nur in
Momenten, wo man schon einen hohen Grad an
Zufriedenheit hat. Aber niemals zur Lösung
irgendwelcher Probleme!

Denken wir 15 Jahre weiter: Familie Lindner
empfängt die studierenden Söhne zum
gemeinsamen Abendessen. Anschließend gibt
es einen Kognak, und die Söhne drehen sich
einen Joint.

Das werden wir dann sehen.

taz Berlin lokal Nr. 7116 vom 29.7.2003,
Seite 19, 149 Zeilen (Interview), ROBIN
ALEXANDER