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Neuer Drogentest Oratect mit Schwächen (HG, 2003-02-27)
Pubdate: 24.02.03
Source: Nürnberger Nachrichten
Contact: mailto:textarchiv.nn@pressenetz.de
Website: http://www.nn-online.de /> Online: http://www.nn-online.de/artikel.asp?art=68916&kat=10



Mit Drogen am Steuer: Die Polizei setzt neue Tests ein
“Man hat es im Urin³
Einsatz: Zivilbeamte fahnden nach berauschten Fahrern

Seit wenigen Monaten arbeitet die Verkehrspolizei mit neuen Tests: “Oratect³
kann den Konsum von sechs verschiedenen Rauschmitteln im Speichel
nachweisen, schneller und weniger aufwendig als das Vorgängermodell. In ganz
Mittelfranken lassen sich Verkehrspolizisten momentan schulen. Am Wochenende
wurde eine Gruppe in Nürnberg vor groß angelegten Kontrollen instruiert.
Fünf uniformierte Beamte, acht in Zivil. Ihr Job: Sie fahnden nach Fahrern,
die betrunken, bekifft, in irgendeiner Form berauscht hinterm Steuer sitzen.
Die Einsatzzeit: die Nacht zum Samstag, Schichtende um 6 Uhr.

Die Zielgruppe ist jung, zwischen 18 und 30 Jahre alt. Diskobesucher,
Szenegänger. Einer, der das Nachtleben besser kennt als manch Jugendlicher,
ist Hauptkommissar Peter Weber. Weber weiß um die Routen, die zum
Kontrollerfolg führen: “Hirsch³ (Vogelweiherstraße), “Stargate³
(Regensburger Straße), “Nachtpalais³ (Tullnaustraße) zum Beispiel. Immer
wieder fahren die Beamten in Zivilautos die Straßen ab, beobachten Wagen und
Insassen. Die Kriterien bei der Suche nach Verdächtigen? Manche vertrauen
auf Intuition. “Man hat das einfach im Urin³, sagt Weber.

Kommissar Jürgen Völkel, Leiter einer neu gegründeten Truppe, die sich
speziell um Drogen im Straßenverkehr kümmert, hat das, was man den richtigen
Riecher nennt. Ein am “Hirsch³ geparkter Wagen mit Berliner Kennzeichen
kommt ihm komisch vor. Kontrolle kurz nach Mitternacht, völlig überraschend
für den kräftigen Mann mit blondem Kurzhaarschnitt, der aussteigt und seine
Papiere zeigt.

Völkel leuchtet ihm mit einer Taschenlampe in die Augen. Die Pupillen können
Drogenkonsum verraten. Kokain, Amphetamin (Speed) oder THC (Wirkstoff in
Marihuana und Haschisch) erweitern sie, Heroin und Opiate lassen sie auf
Stecknadelkopfgröße schrumpfen. Reagieren die Pupillen nicht auf Licht, ist
meistens etwas faul. Bei dem Berliner deuten die Pupillen augenscheinlich
nicht auf Drogenkonsum hin. Aber mit dem Führerschein stimmt etwas nicht.
Verdacht auf Fahren ohne Fahrerlaubnis. Völkel lässt trotzdem nicht locker,
durchsucht den Wagen ‹ und landet einen Treffer: Drei Ecstasypillen, Speed,
mehrere Portionspäckchen Marihuana. Womöglich, um sie im Hirsch an den Mann
zu bringen. So richtig klar wird dem Beschuldigten erst bei der Vernehmung,
dass er in der Klemme steckt und eine Gerichtsverhandlung droht. “Das habe
ich bis jetzt eigentlich nur in Filmen gesehen³, sagt er, als auf dem Revier
das ganze Programm abläuft. Durchsuchung, Befragung, Fingerabdrücke. Die
Realität hat ihn eingeholt.

Zumindest hatte er vor der Kontrolle tatsächlich keine Drogen genommen, wie
behauptet. Das ist das Ergebnis von “Oratect³. Fünf Minuten lang muss der
Test, ähnlich einem Fieberthermometer im Mund bleiben. Damit genügend
Speichel fließt. Im Teststreifen sind Antikörper, die THC, Speed, Ecstasy,
Kokain und Opiate nachweisen und PC, eine Substanz, die in Deutschland noch
nicht weit verbreitet ist. Wer diese Rauschmittel intus hat und hinter dem
Steuer erwischt wird, muss einen Monat lang seinen Führerschein abgeben und
ein Bußgeld von 250 Euro zahlen.

Test mit Schwächen

Der Test hat allerdings seine Schwächen. Auf LSD zum Beispiel reagiert er
nicht, und bei eisigen Temperaturen funktioniert er kaum. Außerdem kann
niemand dazu gezwungen werden. “Er ist ein Mittel der Verdachtsgewinnung³,
sagt Völkel. Klarheit schafft letztlich nur eine Blutprobe. Die kann
angeordnet werden, wenn der Speicheltest verweigert wurde. Allerdings nur,
wenn der Betroffene starke körperliche Ausfallerscheinungen zeigt. Zittern
zum Beispiel.

Drei Fahrer unterziehen sich in der Nacht zum Samstag dem Oratect-Test. Vier
Fahrer müssen wegen Alkohol am Steuer ihren Führerschein abgeben. Im
vergangenen Jahr fanden fünf Großkontrollen in dieser Form statt, in diesem
Jahr war es schon die zweite. “Der Kontrolldruck wird stärker³, sagt Weber.
Wie massiv die Polizei kontrolliert, zeigt die Statistik. 2002 wurden
bayernweit 6500 Personen geschnappt, die berauscht fuhren, 1999 waren es
noch knapp 950.

In Nürnberg “ist man noch recht hinten dran³. Von 250 Aufgriffen im Jahr
spricht Weber. Aber dem Thema Drogen im Straßenverkehr wird auch hier immer
mehr Bedeutung eingeräumt. Völkels Truppe erhält im April Verstärkung.
Weber: “Denn Drogenkonsum unter Jugendlichen ist so, wie wenn man Bier
trinkt.³
VON SABINE STOLL