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Zigaretten-Schmuggler war ein LKA-Spitzel (2003-01-24)
SPIEGEL ONLINE - 24. Januar 2003, 18:34
URL: http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,232323,00.html
Ermittlungsverfahren gegen Reemstma

Zigaretten-Schmuggler war ein LKA-Spitzel

Im Zusammenhang mit dem Ermittlungsverfahren gegen den Tabak-Riesen Reemstma ist ein dubioser Kontakt zu den Behörden aufgeflogen: Einer der beschuldigten Zigaretten-Schmuggler belieferte jahrelang das Landeskriminalamt mit Infos und blieb so unbehelligt. Die Behörde gerät nun in Erklärungsnot.


DPA

Immer wieder entdecken Fahnder an den deutschen Grenzen ganze Lastwagenladungen mit geschmuggelten Zigaretten


Hamburg/Berlin - Der Hamburger Zigarettenhersteller Reemstma wird in dem Verfahren der Staatsanwaltschaft Stade beschuldigt, den illegalen Zigaretten-Import nach Deutschland zumindest geduldet zu haben. So verkaufte der Glimmstengel-Riese Millionen von Zigaretten an osteuropäische Firmen, welche die Rauchware umgehend und zollfrei nach Deutschland zurück schmuggelten. Dem Fiskus entgingen so geschätzte zwei Milliarden Euro an Tabaksteuer. Beschuldigt werden nun mehrere Zigaretten-Schmuggler, aber auch Verantwortliche von Reemstma, die von der Praxis wussten und sie duldeten.

Im Zusammenhang mit dem Ermittlungsverfahren hat das ARD-Magazin "Kontraste" nun eine mehr als merkwürdige Kooperation eines des beschuldigten Schmuggler mit den Hamburger Behörden aufgedeckt. Demnach war Andreas N., ein Russlanddeutscher aus Rosengarten (Kreis Harburg), jahrelang ein Spion des Hamburger Landeskriminalamtes (LKA). Der Mann, unter den Fahndern auch als "Pate" des Zigaretten-Schmuggels bekannt, soll laut Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft seit Anfang der 90er Jahre Milliarden Zigaretten überwiegend aus dem Hause Reemtsma nach Litauen verschoben und einen Steuer-Schaden von knapp drei Millionen Euro angerichtet haben. N. nahm die Tabakware in Litauen in Empfang, schmuggelte sie nach Deutschland und ließ sie von einem ganzen Heer von Kleinkriminellen gewinnbringend auf der Straße verkaufen.

Sorgen vor der harten Hand des Gesetzes musste sich Andreas N. hingegen kaum machen: Als so genannter VP, der Abkürzung für den Polizei-Terminus "Vertrauensperson", lieferte der Zigaretten-Pate den Fahndern mehrmals pro Jahr Hinweise über Lieferungen von Zigaretten nach Hamburg, welche dann vom LKA abgefangen wurden. Laut dem TV-Magazin "Kontraste" bestätigen sowohl der Schmuggler selbst als auch Behörden-Dokumente, dass Andreas N. als V-Mann bei der Polizei war. Das LKA selber wollte sich, wie in solchen Fällen üblich, nicht zu den "Kontraste"-Recherchen äußern. Das ausbleibende Dementi jedoch ist in diesem Zusammenhang eher als Bestätigung des peinlichen Vorgangs zu verstehen.

Für den Zigaretten-Schmuggler muss die Kooperation mit den Fahndern mehr als lukrativ gewesen sein: Auf der einen Seite hatte er die Möglichkeit, seine kriminellen Konkurenten im Geschäft mit den unversteuerten Glimmstengeln bei der Polizei anzuschwärzen und so sehr schnell auszuschalten. Auf der anderen Seite garantiert das LKA seinen Informanten aus der kriminellen Szene üblicherweise Straffreiheit für kleinere Delikte oder zumindest, dass die Fahnder "nicht so genau hinsehen", wie es ein Beamter ausdrückt. Vermutlich konnte N. so recht ungestört seinem Geschäft nachgehen.

Oft ist es auch so, dass die Spitzel durch ihren Kontakt recht genau wissen, gegen wen und wann die Polizei zuschlägt. Für den Schmuggler sind diese Infos sicherlich ähnlich viel wert gewesen wie sein Wissen über den Zigarettenschmuggel für die Polizei. Richitg heikel wird der Fall jedoch für die Hamburger Polizei, wenn sich heraus stellt, dass die Fahnder wissentlich über den illegalen Schmuggel von Andreas N. hinweg sahen, um an andere Informationen zu kommen. Dies wäre als Strafvereitelung im Amt ein neuer Fall für den Staatsanwalt.

Die fruchtbare Zusammenarbeit des Zigaretten-Paten und der Polizei dauerte bis ins Jahr 1999. Damals bekam das LKA von der Zollfahndung einen Hinweis, dass man gegen den Spitzel Andreas N. ermittele. Hektisch brachen daraufhin die Fahnder schnell alle Brücken zu ihrem Informanten ab. Matthias Gebauer