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In die Anonymität verjagt (2002-12-01)
Source: TAZ
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Website: http://www.taz.de
Notes: http://www.taz.de/pt/2002/11/29/a0259.nf/text




In die Anonymität verjagt
Senat legt Daten über Drogenabhängige vor: Die Polizei hat immer weniger
Zugriff auf ErstkonsumentInnen harter Stoffe. 
SPD kritisiert: "Wenn man die Frauen und Männer durch die ganze Stadt
vertreibt, findet man natürlich auch weniger."
von ELKE SPANNER

Das repressive Polizeikonzept gegen die Drogenszene in St. Georg zeigt
Wirkung: Die Polizei kommt immer weniger an die KonsumentInnen heran. Aus
der Antwort des Senates auf eine große Anfrage der SPD-Fraktion ergibt sich,
dass die Polizei in diesem Jahr nur 495 ErstkonsumentInnen harter Drogen
ermittelt hat - während es im Vorjahr noch 715 waren. Für den
SPD-Abgeordneten Martin Schäfer liegt die Erklärung auf der Hand: "Wenn man
die Frauen und Männer durch die ganze Stadt vertreibt, findet man natürlich
auch weniger."

Auch die SPD hatte zu Regierungszeiten auf ein konsequentes Vorgehen gegen
die Drogenszene durch die Polizei gesetzt. Der Unterschied sei aber, meint
Schäfer, dass die Sozialdemokraten parallel ausreichend Hilfsangebote für
die Süchtigen bereitgestellt hätten, durch die die Repression erst Erfolge
habe zeigen können. Der CDU-Schill-FDP-Senat hingegen fahre das Angebot der
Drogenhilfe nun drastisch herunter und belasse es dabei, die Junkies vom
Hauptbahnhof fortzujagen.

Aus der Senatsantwort ergibt sich ferner, dass in Hamburg das
durchschnittliche Alter von KonsumentInnen nicht ab-, sondern zunimmt. Waren
1997 die Männer und Frauen, die illegale Suchtstoffe zu sich nehmen, im
Schnitt noch 32,3 und 29,2 Jahre alt, lag das Durchschnittsalter im Jahr
2000 schon bei 33,6 und 31,2 Jahren. 

Nach den Erkenntnissen des Senates begann eine große Gruppe der später von
illegalen Stoffen abhängigen Personen im Alter von durchschnittlich 14 bis
15 Jahren damit, Alkohol zu trinken. Für eine kleine Minderheit kommen
zwischen 15 und 16 Jahren Schnüffelstoffe hinzu, für eine breite Gruppe im
Schnitt mit 16 Jahren Cannabis. Mit 20 bis 23 Jahren folgt laut Senat der
Einstieg in den Konsum von Heroin, Kokain und psychotropen Medikamenten -
wobei Frauen beim Erstkonsum illegaler Substanzen jünger als Männer sind.

Eine große Gemeinsamkeit der KonsumentInnen illegaler Drogen ist, dass sie
überwiegend aus sozial benachteiligten Verhältnissen stammen. 22 Prozent der
Männer und 25 Prozent der Frauen haben ihre Kindheit im Heim verbracht. Sie
verfügen über eine deutlich unterdurchschnittliche Schulbildung - was auch
für die meisten bekannten AlkoholikerInnen gilt. Weniger als die Hälfte
aller DrogenkonsumentInnen hat einen Beruf erlernt. 60 Prozent der Männer
und 47 Prozent der Frauen, fasst der Senat zusammen, "sind stark sozial
desintegriert".

Der Senat hat in der Antwort auf die SPD-Anfrage angekündigt, das Hamburger
Hilfesystem einer externen Evaluation zu unterziehen. Von deren Ergebnis
soll dann abhängen, inwieweit "das Spektrum der Einrichtungen" verändert wird.

taz Hamburg Nr. 6917 vom 29.11.2002, Seite 22, 96 Zeilen (TAZ-Bericht), ELKE
SPANNER